Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, daß sie mit der Wahl des neuen Fräuleins ihren Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte. Fräulein Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit und selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder sich ihr zuwandten wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. Während der Fahrt durch den warmen schattigen Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen ununterbrochen, während die Mutter ihnen schweigend und verstimmt gegenüber saß. Sie konnte ihre Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie sich wohl für die Zukunft das Mittel verschaffen könne, das doch nur ihr allein ein egoistisches Genießen gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil nahm.
In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft nach Hause zurück. Lydia fühlte ihre Nerven etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem Manne, der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich entgegen zu treten.
Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen Brief und entschuldigte sich, daß er so indiscret gewesen war, denselben zu öffnen.
»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, daß er in einer Brauerei in der Humboltstraße arbeite. Das erschien mir so eigenthümlich, daß ich nur eine Bettelei vermuthen konnte. Ich wußte nicht, daß Dein Schuster so weit draußen wohnt. Bist Du denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der Hauptstraße nicht mehr zufrieden?«
Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg bei dieser harmlosen Frage ihres Mannes. Was für ein entsetzliches Verhängniß zwang sie doch, Lügen – ganz gemeine Lügen zu ersinnen, wie unwürdig, wie erbärmlich stand sie da vor sich selbst und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese Weise eine Mittheilung zukommen ließ!
Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau habe ich zu benachrichtigen, daß Ferdinand Preyer die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen Schleifen garnirt werden sollen und bitte um weitere Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«
Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, als sie zu Ende war. Ferdinand Preyer lieferte also die gewünschten Waaren nicht! Der arme Commis, der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter unterstützte, verschmähte das Gold, das die reiche Frau ihm bot, wenn er mühelos ein Vorrecht benutzte, das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu einer Pflichtverletzung zu verführen, sie bot ihm ein Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn und die Seinen aller Sorgen entheben konnte und er – – – »lieferte die gewünschten Waaren nicht.«
Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte dieser unbestechliche junge Mann sein! Was für eine Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem freudlosen genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine eigene Person nach dem Morphium zu greifen, das ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in seiner übertriebenen Pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein Hedwig hatte, die auch ein Leben der Armuth und Arbeit mit innerer Befriedigung hinnahm, ohne zu einem Betäubungsmittel zu greifen? Ob er wohl auch so froh, so innerlich glücklich, so reich an Liebe war, wie dieses Mädchen?
Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's Herzen. Sie hätte sich rächen mögen an dem, der ihr diese Schwierigkeiten bereitete.
»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der Dir die letzte Ergänzung einer hübschen Toilette zu versagen scheint, Kind?«