Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das Briefblatt in ihrer Hand. Die Stimme ihres Mannes schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes Antlitz.
»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der zugeschnittene Schuh fertig gemacht wird, Arnold, dieser Preyer ist langsam und ungefällig,« log sie, halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken.
Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht groß zu sein, Liebling,« tröstete er. »Schwarze Schuhe sind doch immer das hübscheste für einen so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt.«
Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die sich kaum noch zu beherrschen vermochte, küßte die Kinder und fuhr nach seinem Büreau.
Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden Räder hörte, hielt sie nicht länger an sich. Sie wandte sich jäh ab von den Kindern und dem Fräulein, stürzte die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee.
Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen Aufregung Luft machen, so drückte sie denn ihr Gesicht auf ein Kissen und schrie – schrie so laut und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen kamen und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr Erleichterung brachte. Dann setzte sie sich an den Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch ihren Anzug, ihr Haar und ihren Teint wieder in Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren Blick in den Spiegel. – Ja, was nun?
Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes nieder. Heute an ihrem höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich die Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen. Sie wollte um Erleuchtung bitten, um Frieden, um Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung sprach sie die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich nicht zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze Seele schrie nach Morphium, nur allein nach dem Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den Enttäuschungen dieses Tages eine krankhafte Leidenschaft concentrirte. Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem unstillbaren Drange. Die hohe göttliche Jungfrau versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau gelebt. So betete Lydia endlich ganz offen und kindlich um Morphium. »Gieb es mir, Gebenedeiete,« flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu lieben, Dich zu ehren und anzubeten.«
Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen bot sie die Seelen ihrer Kinder, für sich aber begehrte sie nur das Eine – mochten es ihr Menschen oder Engel gewähren – nur das, was sie nicht lassen konnte, was sie haben mußte und was man ihr grausam versagte.
Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder auf. Ein Gedanke, den ihr wahrscheinlich die Hochheilige selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn. Turnau – Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest überzeugt, daß dieser Plan von der heiligen Jungfrau selbst in ihr Herz gelegt war; so konnte er also nicht fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu vertrauen, so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte.
Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der Nervenheilanstalt des Professors Schrödter, in der Turnau wohnte.