In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres Planes war die fieberhafte Aufregung, die sie vorhin erfüllte, gewichen. Sie ließ den Wagen einen Umweg machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit mehreren Körben voller Kränze und Blumen hatte für den Festtag an der Kirchhofsthür einen Verkauf eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen Gebet auf die Gräber ihrer Eltern.

»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« Das war die Antwort, die diese Stätte der Erinnerung ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr Herz durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung gehn auf dem Wege, den sie jetzt ging.

Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge, bildschöne Frau gleich darauf die Junggesellenwohnung eines eleganten Lebemannes. Die Leidenschaft, die sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in ihrer Lage peinlich und anstößig war.

Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast als hätte er diesen ungewöhnlichen Besuch erwartet.

Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen und mit einem milden gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges Gesicht außerordentlich schön erscheinen ließ, fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht wahr, Frau Bremer?«

Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie an sich gezogen hätte, so wäre sie sein gewesen willenlos, selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte bei ihrem Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt und sie war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich verstanden und fand ein Entgegenkommen, das sie bis in die Tiefe des Herzens tröstete und beglückte.

Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde ab und weinte bitterlich.

Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit, regte ihn aber auch nicht auf. Er versuchte nicht, seine hübsche Freundin zu trösten, sondern nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit dem ruhig beobachtenden Blicke des Arztes, was sie thun würde.

Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den üblichen Formen des Verkehrs in Einklang zu bringen sei und suchte sich gewaltsam zu fassen.

»Wie hübsch Sie eingerichtet sind,« sagte sie, ihre Thränen trocknend, »gar nicht wie ein Gelehrter, viel eher wie ein die Schönheit liebender Künstler – sogar Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege ...«