»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar wirklich gemüthskrank.«

»Das weiß ich auch.«

»Und Sie bleiben dennoch dabei?«

»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch nicht.«

»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um zu wissen was Sie thun. Weil ich Medicin studirt habe, halte ich mich nicht für den Vormund anderer Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn ich zufällig Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit abkürzen wollen, so sehen Sie zu, wie Sie sich mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.«

»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden, wie –, das geht niemanden etwas an.«

»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten genug, um das Leben des Individuums zu verlängern. Wir können als Mediciner die Infectionskrankheiten bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den Mitteln der Wissenschaft helfen, seine Tage zu vermehren. Wer sollte wohl darauf kommen, uns für das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige Unglück verantwortlich zu machen, daß eine beschränkte Anzahl von Menschen mit klarem Willen und vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die ihnen an sich zugemessen ist!«

»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich wegen dieses Unglückes,« sagte sie bitter. »Wenn man da die äußerste Consequenz ziehen wollte, müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen Local sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein vergiften.«

»Ah – das souveräne Volk – dem muß man die Freiheit schon lassen.«

»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen, der den verfeinerten Genuß sucht, unseren Genuß, nicht wahr, Frau Bremer?«