»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung vorhanden zu sein,« sagte sie traurig.
»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt, eine Erniedrigung, einen Schmerz, der mich fast verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der Hoffnung Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.«
Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun von ihren Beziehungen zu Friedrich Rast und von der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers.
»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten Jungen hängt das Wohl und Wehe einer sensitiven vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie, muß die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis aufsuchen, um eine Gesetzesvorschrift zu umgehen, die in ihrem Widersinn schon viel entsetzlichere Folgen gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie heute gelitten haben.«
»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem Arzte, dem Psychologen verzeihen, wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht schließlich verkaufen, wenn Sie keine, keine andere Möglichkeit sähen, sich Morphium zu verschaffen?«
Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben, aber ich würde nicht fallen.«
»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium, in dem man fällt. Andere sind aber in dieses Stadium gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche Frauenehre gekostet.«
Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer furchtbaren Gefahr. Der Mann, mit dem sie allein war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber auch ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht versagt, er verstand sie und sie fühlte, daß sie ihn liebte.
Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung, das willenlose liebliche Weib an sich zu reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah – wie sie wohl zu lieben verstand!