»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der Kranke verloren ist?«
»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.«
»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit ruhiger Würde.
Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.
Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.
»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.
»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist. Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«
»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau.
»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde Sold.«
Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken Mannes; er sah, daß mit der frommen Schwester nichts anzufangen war; so ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das Operationsbett heran.