»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es denn taufen sollen?«
Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich auf das Kissen zurück, sie weinte leidenschaftlich.
»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, ich befehle es, wenn Sie nicht aufhören zu schreien, gehe ich mit der Schwester hinaus.«
»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat nun keinen Antheil an dem Opfer Christi, es gehört nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie – niemals wiedersehen.«
Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas sagen dürfe, was er selbst nicht glaubte, endlich entschloß er sich es zu thun – als Arzt, um ihrer Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« polterte er ein wenig ungeschickt – »wiedersehen? Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind in diesem Leben nicht wiedersehen, aber später – – nach dem Tode – – –«
Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb nach oben, auf die Ellbogen gestützt. Um das bleiche Gesicht hing das wirre blonde Haar, die tiefliegenden blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der höchsten Angst auf Schwester Clarissa.
»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, bei dem Blute Christi, sagen Sie mir die Wahrheit – werde ich es wiedersehen, das ungetaufte Kind – – nach dem Tode?«
Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. »Nein,« sagte sie kurz und rauh.
Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin ging dem besorgten Arzte sachgemäß und ruhig zur Hand, wie immer. –
Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das Isolirzimmer. Die Kranke lag mit den nöthigen Mitteln versehen ruhig athmend mit geschlossenen Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für die Tochter der römischen Kirche in seinem Herzen geregt hatte, war erloschen.