Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch die der Glaube und das Gelübde der Nonne diese von ihm, von der Welt und von allem Denken und Thun der meisten Menschen trennte.
Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses harte kalte »nein«, mit dem sie etwas bestätigte, was sie für wahr hielt; aber von allen Liebesschmerzen, die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.
Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, das er zuweilen von Locken umrahmt sich geträumt hatte, gar nirgend anders hingehöre, als unter die weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen Schleier rings umwallt, die Stirn verhüllte.
Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die ihm zur Hand ging, düster in der Erscheinung, unnahbar im Wesen und unergründlich räthselhaft im Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. Er bediente sich der Schwester, die ihm zur Verfügung stand, wo er sie brauchte, aber ihre Person beschäftigte ihn nicht mehr.
Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so wenig zu Herzen gehen würde, als bald darauf die schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt geschickt wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer wartete, als hier.
Auf die dritte Frauenstation kam Schwester Maximile, die viel älter war als Schwester Clarissa, und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit dieser neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte er überhaupt noch nie eine Verschiedenheit zwischen zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben sich Alle wie aus einer Schablone gepreßt.
Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders gewesen, wie diese gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; sonderbar, daß er es versucht hatte, ihr näher zu treten. Ihre Augen – ja das war es, in ihren Augen hatte etwas gelegen, das er für Geist gehalten hatte und das schließlich nichts Anderes gewesen war, als Fanatismus.
Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, über diese Sache nachzudenken und die Pflegerinnen in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf beschäftigte ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte oft bei seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich außerdem mit anatomischen Arbeiten. Im Herbst hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als Privatdocent; die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel Zeit und complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.
Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige Kreise zu ziehen, aber er wich allen Vergnügungen, besonders solchen, wo er Damen treffen konnte, aus. Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und dann plötzlich seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine Wunde hatte das seinem Herzen nicht gerade zugefügt, aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm und dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, und die schönsten Augen, die ihm oft freundlich genug entgegen blickten, ließen ihn kalt.
Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß die fromme Schwester ganz unschuldig an der Enttäuschung war, die er empfand. Er hielt es für das höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, ihn zu trösten und zu erfreuen, so lange er auf Erden wandelte und sie – sie erachtete die Freuden und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen Verheißung willen, die sie für sich und Andere erhoffte – – nach dem Tode.