Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die Gegensätze, die ihn auf ewig von ihr schieden. Sie aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene, wahrscheinlich mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. Wie die Nonne sein soll, so war sie – so gab sie sich, so dachte und fühlte sie. Wenn je in ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie sie überwunden. Das aber, was er zu überwinden hatte, war nicht einmal eine Leidenschaft, sondern nur ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse – – – ach, was – es war, so sagte er sich selbst und so glaubte er es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern nur ein allgemeines Interesse gewesen. – Diese interessante Species – eine moderne Nonne, war etwas Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht trifft, weder in Büchern, noch im Leben.

Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen getreten, der Psycholog in ihm war erwacht, er hatte geforscht in dieser schwer zugänglichen keuschen Seele und das Ergebniß – – – – ja, das Ergebniß war hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers zurückgeblieben. Er dachte noch zuweilen mit leisem Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben zurück. Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben – die Welt verachten, verlassen, vergessen, um einer anderen Welt willen, von der wir nichts Bestimmtes wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!

Als echt moderner Mann dachte er gar nicht daran, einen Aufklärungsversuch oder sonst ein romantisches Unternehmen zu riskiren, um die Seele, die er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der Aufklärung und Wahrheit zurückzuführen. Er zuckte die Achseln und wendete sich von der Jungfrau mit den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine eigene innere Ruhe und Selbstzufriedenheit wurden nicht ernstlich dadurch bedroht.

Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der Herbstsonne fielen auf sein blondes, wohlfrisirtes Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. Der Todtenschädel war weit vornüber geneigt und hing beinahe über dem Kopfe des jungen Docenten. –

Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten entfernten sich, und einer von den jüngsten unter ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, ihn um irgend eine Erklärung zu bitten.

Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, um die es sich handelte, und so überhörten Beide in dem Gewirre von Stimmen und Schritten der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft aussehenden Mädchen begleitet, den Saal betrat. –

Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres Instrument an einem Riemen über die Schulter gehängt; das Mädchen trug das Gestell, um den Leierkasten aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum Einsammeln kleiner Geldstücke. –

Es war niemand weiter im Saale wie der Mann und das Mädchen, die beiden Herren und das graue hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr als fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert und durchfurcht, sein Rücken so gebeugt von der schweren Last, die er zu tragen gewohnt war, daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war noch nicht gebleicht. Wirr und in lockiger Fülle hing es ihm tief in die Stirn und über den Nacken herab.

Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen. Ihre Züge waren grob und gebräunt, sie hatte brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle, wie sie diesen wandernden Mädchen auf eine kurze, ganz kurze Zeit die Jugend verleiht.

Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden gegangen waren. »Die Armenbehandlung ist von zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den Mann.