»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das Mädchen plötzlich wild auf, »wenn der jüngste Tag kommt, und die Todten steigen aus ihren Gräbern, und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein – so ein Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen von den Todten?«

»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot ihr der Vater, »das geht die Herren hier nicht an, die glauben an nichts nach dem Tode.«

»Nun also – was wollen Sie denn, wozu machen Sie denn solchen Lärm?« fragte der Arzt erleichtert.

»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will wissen, was für ein Verbrechen und was für eine Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn ein Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden, der es einscharrt, aber ein Mensch, – ein armer Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum Hungern, zum Betteln, zum Frieren und nach dem Tode? Nach dem Tode – zu dem, was die Herren Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe zu machen.« Er lachte laut und wild auf.

Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter. Dieser erschien. »Führen Sie den Mann hinaus, er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt.

»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch, »aber diese Knochen, diese Knochen sind mein, ich nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien Walde, der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib, aber Ruhe, das bischen Ruhe im Grabe, das soll sie doch haben, sie soll.« – – –

Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten Zusammenfügung bereits erschüttert, ein wenig schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen.

Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu verlassen. An der Thür drehte er sich noch einmal um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb einige Worte darauf.

»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel nach dem Büreau. Man wird Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages, fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer verstorbenen Frau der Klinik zu anatomischen Zwecken überlassen haben. Adieu.« – –

Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf den Zettel zu und riß ihn an sich.