Hochwürdigste, gnädige Frau!
In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen Ausweg, als den, Sie mit diesen Zeilen zu belästigen. – Meine Frau ist nach einer, wie es leider den Anschein hat – vergeblichen – Krebsoperation einer sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.
Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine geeignete Kraft ausfindig zu machen, sind von durchaus ungenügendem Ergebnisse gewesen.
Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten Händen einer ungebildeten Wärterin. Es handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr auf wenige Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit leichter zu machen. Kein finanzielles Opfer würde mir zu groß sein, wenn ich mein geliebtes Weib in die sanften, weichen Hände einer treuen Schwester geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; in diesem Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste Gräfin, helfen Sie mir, schicken Sie mir eine Diakonissin und senden Sie mir ein Telegramm, mit welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.
Mit hochachtungsvollster Ergebenheit
Ihr gehorsamster
v. Möbius, Premierlieutenant.
Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften, die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer Vorgesetzten zu sprechen.