Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen vermochten.

»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir schicken?«

Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf. »Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist, wir haben nicht genug Schwestern.«

»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden wollen, habe ich nur erhalten.«

Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.«

»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.«

»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute alte Schwester.

»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken.

Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit raschen Schritten den Saal.

Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von den Aerzten der Anstalt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.