Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte ihm freundlich die Hand.

Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.«

»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß, schon seit Jahren verstorben?«

»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine Schwester, ein gesundes kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Die war durchaus zur Pflege meines Vaters geeignet.«

Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie von Ihrem Fräulein Schwester gehört, sie muß sehr zurückgezogen leben.«

»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich von ihren Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister stehen jetzt allein in der Welt; ich werde wohl genöthigt sein, eine geeignete Stellung für meine Schwester zu suchen.«

»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; das Angebot gebildeter Damen für häusliche Stellungen ist außerordentlich groß, während die Nachfrage sich mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«

»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden gesucht, und Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen und Gouvernanten bieten sich an.«

»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist ein eigenes Kapitel der sozialen Frage, die Frauen- oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei uns aber ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich in unserem Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bringen Sie Ihre Schwester zu mir, Herr Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, steht grade im richtigen Alter und hat sich bereits in häuslicher Krankenpflege bewährt. Das Mutterhaus sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine liebe Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist ein weites Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«

»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit meiner Schwester sprechen. Sie hat kein Vermögen, ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht Gott danken, wenn sie hier freundlich aufgenommen wird.«