»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und die Schwester eines Arztes ist uns doppelt willkommen.«
Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend zu und trat in ihr Zimmer. Doctor Ehrhardt sah lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen Dame entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn doch seine Schwester ihr schroffes eigenwilliges Wesen lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!
Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden gezeigt, nie hatte sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten des Bruders hatten, durch ihr unweibliches Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen Hause beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte Otto, daß seine Schwester ein ernstes Streben verfolgte. Sie verachtete die oberflächliche Existenz vergnügungssüchtiger, kindlicher Mädchen. Sie sah, wie Eine dieser Mädchen nach der Anderen, alle ihre ehemaligen Schulgenossinnen sich verlobten und verheiratheten und hatte nur ein verächtliches Achselzucken für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. Sie wollte mehr sein, etwas Anderes – etwas Höheres. Das konnte sie jetzt werden. – Es erschien dem Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen würde. Man rief sie, man bedurfte ihrer, warum sollte sie zögern zu kommen!
Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt von dessen Erfüllung eilte er nach Hause.
Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde Leute begegneten ihm im eigenen Heim. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige Versteigerung von seines Vaters Nachlaß stattgefunden hatte.
Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, eine Wohnung für all die Möbel, Betten, Bücher, Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände, die so lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der Geschwister Zeugen ihres Daseins gewesen waren, wurden heute in alle Winde zerstreut. Die Heimath war aufgelöst – freiwillig aufgegeben. Nun hieß es wandern, ein neues Heim erwerben, den Kampf mit dem Leben bestehen.
Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. Die wissenschaftlichen Bücher, soweit sie nicht veraltet waren, und die Instrumente des alten Medicinalrathes lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie gezeigt, daß sie diese Andenken an den Verstorbenen, die der Sohn zu behalten wünschte, nicht sorglich zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte seine Schwester jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort über ihren Mangel an Pietät unterdrückte er gewaltsam. Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel hinzulenken, dem er sie entgegenzuführen gedachte.
In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen Koffern und Kisten fand er sie. Ueberall lag Packstroh, Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches Wesen hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den Wunsch empfinden müssen, Ordnung und wenigstens etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie Ehrhardt aber empfand davon nichts.
Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf einer Kiste, die Arme waren auf die Fensterbank aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen Aermel des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar war über ein Buch gebeugt. Sie sah nicht auf, als der Bruder eintrat.
»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst, Cäcilie, so möchte ich Dich bitten, über eine wichtige Frage mit mir zu sprechen.«