Unsere jetzige Lage ließ uns also nichts als Ungemach erwarten. An der Küste schienen gar keine Eingeborenen zu sein, die uns während eines Winteraufenthaltes Waren zum Tausch oder Lebensmittel bringen konnten. Andrerseits war die Witterung furchtbar geworden; es stürmte unaufhörlich unter Schneegestöber und Schloßen. Verließen wir unsere sichere Stätte, so war es sehr ungewiß, ob wir irgendwo einen anderen Zufluchtsort finden und nicht genötigt sein würden, nach den Sandwichinseln zu gehen. Dieser Schritt aber hätte wahrscheinlich der ganzen Reise ein Ende gemacht, da unsere Leute schon anfingen, große Unzufriedenheit an den Tag zu legen.

Wir beschlossen deshalb, den unwirtlichen Winter in Prince-Williams-Sund allen Erquickungen der Sandwichinseln vorzuziehen, da es uns schwerlich gelungen wäre, die Matrosen zur Rückkehr von jenem angenehmen Aufenthalt an die amerikanischen Küsten zu bewegen. Der Zweck der Reise und das Interesse der Eigentümer erforderten dieses Opfer, dem wir uns auch so wie jedem anderen Ungemach willig unterzogen. Bei einigem Nachdenken über die beschränkte Macht, die der Befehlshaber eines Kauffahrteischiffes hat, und über den daraus folgenden Mangel an Subordination wird man leicht begreifen können, daß unser Entschluß, trotz aller Schwierigkeiten hierzubleiben, ein Beweis von unserm Eifer für unsre Auftraggeber war.

Am vierten Tag besuchten uns einige Kanus, und die Eingeborenen betrugen sich umgänglich und friedfertig gegen uns. Sie nannten uns verschiedene englische Namen, die wir für die Namen der Leute an Bord der »Seeotter« erkannten. Auch gaben sie uns zu verstehen, daß ein Fahrzeug mit zwei Masten erst vor wenigen Tagen mit vielen Fellen beladen von hier abgegangen sei; um die Menge der Felle anzudeuten, zeigten sie uns die Haare auf ihrem Kopfe. Endlich versprachen sie uns nach ihrer Art: wenn wir bleiben wollten, würden sie den Winter hindurch eine Menge Seeottern für uns töten. Wir wußten nun, daß der Sund bewohnt sei, und es fehlte uns nur noch an einem geeigneten bequemen Winterhafen. Unsere Boote fanden einen solchen ungefähr 15 Kilometer ostnordostwärts von dem bisherigen Orte.

Dahin brachten wir am 7. Oktober unser Schiff, takelten es ab und fingen an, uns am Lande mit der Errichtung eines Holzhauses zu beschäftigen, das den Schmieden zur Werkstätte dienen und zugleich, solange unser Schiff in dem jetzigen Zustand wäre, allerlei altes Holzgerät aufnehmen sollte. Die Eingeborenen beehrten uns täglich mit ihren Besuchen und übten sich dabei unausgesetzt in ihrem ganz vorzüglichen Talent zum — Stehlen. Man hatte Mühe, die Kunstgriffe zu begreifen, mit denen sie sich eiserner Gerätschaften zu bemächtigen suchten. Oft sah man sie den Kopf eines Nagels im Schiffe oder in den Booten, wenn er nur ein wenig aus dem Holz herausragte, mit den Zähnen herausziehen. Und wenn wir die verschiedenen Diebereien und die Art, wie sie ausgeführt wurden, erzählten, so könnte mancher leicht auf den Gedanken kommen, daß wir die diebische Geschicklichkeit dieses Volkes auf Kosten der Wahrheit herausstreichen wollten.

Bis Mitte Oktober hatten wir noch immer erst eine geringe Anzahl von Fellen erhandelt. Die Eingeborenen stellten sich aber in größerer Anzahl ein und wurden so überlästig, daß wir in Verlegenheit gerieten, wie wir uns gegen sie zu benehmen hätten. Klugheit sowohl als Menschlichkeit geboten uns, womöglich alle gewalttätigen Züchtigungen zu vermeiden. Indes kam es doch des öfteren vor, daß unsere Leute, die am Lande Holz fällten oder mit dem Bau des Hauses beschäftigt waren, sich genötigt sahen, an Bord zurückzukehren, weil die Eingeborenen aus dem Walde hinter ihnen hervorkamen und ihnen ihr Gerät wegzunehmen versuchten. Das Schiff lag dem Arbeitsplatz so nahe, daß wir mit unsern Leuten am Lande sprechen konnten. Daher erhielten diese, außer wenn ein bedachtsamer Offizier bei ihnen war, nie Erlaubnis, Schießgewehre mitzunehmen, weil wir befürchteten, daß sie einen falschen Gebrauch davon machen würden. Bisher hatten wir es auch überflüssig gefunden, sie zu bewaffnen, da es uns noch jedesmal gelungen war, durch einen einzigen Flintenschuß vom Schiffe aus die Eingeborenen zu verscheuchen.

Den 25. Oktober bemerkten wir, daß eine große Menge Indianer in die Bucht kamen. Da wir ihrer so viele noch nicht beieinander gesehen hatten, so riefen wir unseren Leuten zu, sie möchten sich an Bord begeben. Als dies nicht augenblicklich geschah, gewannen die Indianer Zeit, dem Schiffe gegenüber anzulegen und an dem Arbeitsplatze zu landen. Zugleich stieß ein anderer Haufen aus dem Walde zu ihnen. Vergebens wollten wir durch allerlei Zeichen den Indianern, die in ihren Kanus gekommen waren, das Anlanden untersagen. Sie taten es zum Trotze dennoch. Hierauf richteten wir zwei von unseren Kanonen auf sie und erreichten dadurch unseren Zweck noch zu rechter Zeit, da sie schon im Begriffe standen, unsern Leuten die Äxte aus der Hand zu reißen. Sobald sie unsere Anstalten gewahr wurden, riefen sie auf ihre gewöhnliche Art »Lali-lali«, das heißt »Freund, Freund« und breiteten ihre Arme zum Zeichen der Freundschaft weit voneinander. Nachdem unsre Leute sämtlich an Bord gekommen waren, glaubten wir, die Gelegenheit benützen zu müssen, die Eingeborenen durch einen Beweis von der Wirkung unsrer Kanonen zu erschrecken. Ein Zwölfpfünder ward mit Kartätschen geladen und abgeschossen. Die Wirkung der Kugeln im Wasser setzte sie in Erstaunen und in solchen Schrecken, daß die Hälfte ihre Kanus umkippte. Hierauf lösten wir am Ufer eine dreipfündige Feldkanone, deren Kugel auf eine ziemliche Strecke die Oberfläche des Wassers streifte und ihnen keinen Zweifel übrigließ, daß wir unsere Kugeln in jeder beliebigen Richtung so weit schießen könnten, wie wir Lust hätten. Jetzt standen sie da und beratschlagten sich, wie es schien, in nicht geringer Verlegenheit. Nun gaben wir ihnen zu verstehen, wir hätten keineswegs die Absicht, ihnen Leids zu tun, solange sie es friedlich und ehrlich mit uns meinten; wir wünschten weiter nichts, als mit ihnen handeln und gegen unsere Waren Felle eintauschen zu können. Diese Waren hielten wir ihnen vor; und nun zogen sich nach einem wiederholten Freudengeschrei diejenigen unter ihnen, die in Felle gekleidet waren, augenblicklich aus und verkauften uns gegen eine mäßige Zahl großer eiserner Nägel sechzig schöne Seeotterfelle. Um uns ihre Freundschaft zu erwerben, beschenkten wir die vornehmsten Männer unter ihnen mit Glasperlen verschiedener Farbe. Dagegen versprachen sie, daß sie uns Felle bringen würden, so geschwind sie dergleichen nur herbeischaffen könnten.

»Lali-lali« riefen sie, das heißt »Freund, Freund«.