Ihr Versuch, uns zu überfallen, war wohl ohne Zweifel vorher überlegt; denn sie pflegen einander sonst nie in den erwähnten Booten zu bekriegen und bedienen sich ihrer gewöhnlich nur, um die Greise, die Frauen und Kinder bei Annäherung eines Feindes wegzuführen, weswegen sie auch diese Fahrzeuge »Weiberboote« nennen. Jetzt aber hatten sie sie dennoch gebraucht, um eine beträchtliche Menge Leute auf einmal an Land setzen zu können, weil sie dadurch ihr Vorhaben, unsere Leute abzuschneiden, desto sicherer bewerkstelligen konnten. Dieser Plan war ihnen nun freilich mißlungen. Aber nichts leistete uns Bürgschaft, daß sie in Zukunft der Gelegenheit widerstehen würden oder auch nur widerstehen könnten, uns alles zu stehlen, was ihnen unter die Hände käme, zumal wenn es Eisen enthielt, durch das sie immer in die äußerste Versuchung gerieten.

In unseren jetzigen Umständen hielten wir es für ratsam, unsere ferneren Arbeiten am Land einzustellen. Wir fingen daher an, das Schiff mit Sparren zu bedecken und von allen Seiten einzufassen, wie wir es schon zur Hälfte getan hatten. Unglücklicherweise fiel jetzt der Schnee in solchen Mengen und lag auf dem Lande so tief, daß wir zu unserem größten Mißvergnügen diese Arbeit nicht vollenden konnten. Soweit die Bedeckung fertig war, diente sie uns, eine Stelle zum Auf- und Abgehen trocken zu halten, und schützte das Verdeck gegen Kälte. Sie gab zu gleicher Zeit für den Notfall eine hinlängliche Befestigung ab gegen jeden Angriff, den etwa die Eingeborenen wagen konnten, da von einer anderen Seite das Eis, das sich überall um uns her zu bilden anfing, ihnen einen sehr beträchtlichen Vorteil gab. Allein, die Neigung unserer wilden Nachbarn mochte noch so feindselig sein: der Schrecken über die Wirkung unsrer Kanonen hatte sie zu größter Freundlichkeit und Friedfertigkeit gebracht.

Am 31. Oktober fiel das Thermometer bis zum Gefrierpunkt, und die Morgen und Abende waren schon empfindlich kalt. Bisher hatten wir Lachse in Menge gefangen. Nunmehr aber fingen die Fische an, sich aus den kleinen Flüssen fortzuziehen. Wir taten jetzt mit dem großen Netze zwei Züge in einem Teiche zwischen den benachbarten Bergen und fingen so viele Fische, als wir auf den Winter einsalzen konnten. Um etwas für den täglichen Bedarf zu erhalten, schickten wir jeden Morgen zwei Mann aus, die nach zwei Stunden mit so vielen Fischen, als sie tragen konnten, wiederkamen. Die Art, wie wir hier die Fische fingen, hatte etwas Lächerliches. Man stellte sich an den Abfluß des vorhin erwähnten Teiches, wo er sich in das Meer ergießt und kaum über einen Meter tief ist. Sowie nun die Fische hindurchschwammen, schlug man sie mit einer Keule auf den Kopf. Man kann sich leicht denken, daß sich unsere Matrosen den Zeitvertreib gefallen ließen, der unserem Tisch so üppige Mahlzeiten brachte. Doch die Tage des Überflusses waren bald zu Ende. Die Gänse und Enten, mit denen wir uns ohne Unterlaß versehen hatten, sammelten sich jetzt in großen Zügen und flogen südwärts. Die Eingeborenen hatten uns zuweilen wilde Ziegen gebracht, die einzigen Landtiere, die wir bei ihnen wahrnahmen. Wir verließen uns auch darauf, daß sie uns den Winter hindurch wenigstens mit einigen Arten von Lebensmitteln aushelfen würden. Allein, statt dessen war am 5. November kein Vogel mehr zu sehen, und in den Wäldern, wo der trockene Schnee jetzt mindestens anderthalb Meter hoch lag, konnte man unmöglich noch fortkommen. Die Fische hatten alle Buchten und kleinen Häfen verlassen, und das Eis sperrte uns auf allen Seiten ein. Die fürchterlichen Gebirge, die wir überall sahen, waren jetzt bis an den Rand des Wassers mit Schnee ganz weiß bekleidet, und den Eingeborenen blieben nun keine anderen Nahrungsmittel übrig als Walfleisch und -speck, den sie für den Winter bereitet hatten. Vom 2. November an hielt das Eis um das Schiff schon recht gut. Unsere Leute liefen daher zum Zeitvertreibe Schlittschuh und ergötzten sich auch sonst auf dem Eise, so daß Munterkeit und Bewegung nicht wenig zu ihrer Gesundheit beitrugen, bis endlich der Schnee auf dem Eise ebenso hoch lag als auf dem Lande.

Den November und Dezember hindurch erfreuten wir uns einer vortrefflichen Gesundheit. Die Eingeborenen setzten ihr freundschaftliches Betragen gegen uns fort, bis auf das Stehlen, wovon sie sich durch nichts entwöhnen ließen, und dem sie bei jeder Gelegenheit und trotz äußerster Wachsamkeit frönten.

Das Thermometer stand im November zwischen 3–4° Kälte, aber im Dezember fiel es auf 12° unter Null und blieb da fast den ganzen Monat stehen. Wir hatten zu gleicher Zeit nur einen schwachen Schimmer von Licht; denn die Mittagssonne stand nur sehr wenig über dem Horizont, und die hohen, südlich gelegenen Gebirge raubten uns ihren Anblick. Hier, wo wir gleichsam eingekerkert und von dem erheiternden Lichte, von der belebenden Wärme der Sonnenstrahlen abgeschieden waren, hatten wir überdies auch keine andere Art von Genuß, die der Einöde um uns her zum Ersatz hätte dienen können. Die furchtbar hohen Gebirge raubten uns beinahe den Anblick des Himmels und warfen ihre nächtlichen Schatten mitten am Tage über uns her. Aber auch das Land war wegen des tiefen Schnees unzugänglich; wir hatten also keine Hoffnung, solange der Winter währte, außerhalb des Schiffes und unserer eigenen Gesellschaft Erholung, Hilfe oder Erleichterung zu finden. Dies war indes nur der Anfang unserer Mühseligkeiten.

Das neue Jahr setzte mit einem verstärkten Grade von Kälte ein, und darauf folgten sehr schwere Schneefälle, die bis zur Mitte des Januars anhielten. Unser Verdeck konnte jetzt dem harten Frost der Nächte nicht länger widerstehen, und seine untere Decke war zolldick mit einem schneeähnlichen Reif besetzt, ungeachtet täglich zwanzig Stunden lang drei Feuer brannten, die, wenn sie angezündet wurden, durch das Auftauen eine kleine Überschwemmung verursachten. Eine Zeitlang unterhielten wir das Feuer Tag und Nacht. Der Ofen jedoch, den wir uns aus der Schmiedeesse verfertigt hatten, rauchte so unleidlich, daß die Matrosen, von denen jetzt einige kränkelten, fest überzeugt waren, ihr Übelbefinden sei ihm allein zuzuschreiben. Nach dem großen Schneefall legten sich zwölf Mann, die an Skorbut litten. Gegen das Ende des Monats starben vier von ihnen, und die Zahl der bettlägerigen Kranken, unter denen auch der Wundarzt sehr gefährlich daniederlag, stieg auf 23. Unser erster Offizier empfand einen leichten Schmerz auf der Brust, ein Symptom, das gewöhnlich einen schlimmen Ausgang in wenigen Tagen andeutete. Er vertrieb ihn indes dadurch, daß er unaufhörlich junge Tannenzweige kaute und den Saft hinunterschluckte. Der widrige Geschmack dieser Arznei jedoch war schuld, daß sich die wenigsten Kranken bereden ließen, mit dem Gebrauche fortzufahren.

Gegen Ende Februar hatte die Krankheit so weit um sich gegriffen, daß nicht weniger als dreißig von unseren Leuten gänzlich entkräftet waren und sich nicht mehr aus ihren Hängematten erheben konnten. Vier von ihnen starben während dieses Monats. Unsere Vorräte waren jetzt schon so erschöpft, daß wir, wenn auch die heftigsten Anzeichen allmählich nachließen, doch keine geeigneten Speisen hatten, mit denen der Krankheit beizukommen war. Zu dieser traurigen Lage kam noch die Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit unserer Leute, die schon das geringste Zeichen der Krankheit für einen Vorboten des Todes hielten. Während der Monate Januar und Februar blieb das Thermometer öfters auf 10° unter dem Gefrierpunkt. Dieser großen Kälte ungeachtet besuchten uns die Eingeborenen wie gewöhnlich und stets nur in ihren Jacken aus Robben- oder Seeotterfellen, und zwar meistens aus letzteren, wobei sie den Pelz auswärtsgekehrt trugen. Dieser Anzug schützte nur den Körper und ließ die Füße bloß; aber sie schienen deshalb kein Ungemach zu spüren. An Mundvorrat mochte es ihnen ebensosehr wie uns fehlen. Wir hatten einige Tonnen Tran stehen, den wir als Öl gebrauchten. Auf diese Leckerei pflegten sie sich, sooft sie an Bord kamen, unter dem Vorwande, daß sie wegen des stürmischen Wetters nicht auf die Waljagd gehen könnten, bei uns zu Gaste zu bitten. Zu ihrer größten Freude und Zufriedenheit schlugen wir ihnen diesen Leckerbissen nie ab. Ihrer Meinung nach wütete die schreckliche Krankheit nur deshalb unter uns, weil wir uns nicht von dieser leckern und gesunden Speise nähren wollten.