Es nahm uns wunder, daß sie nicht nur um den Tod unsrer Leute wußten, sondern auch die Stellen kannten, wo sie begraben lagen. Sie zeigten besonders an den Rand des Ufers zwischen die Spalten des Eises hin, wo wir mit großer Mühe ein nicht gar tiefes Grab für unsern Bootsmann zustande gebracht hatten, der, als er noch lebte, anfangs ihre Aufmerksamkeit erregte und hernach ihre Achtung erlangte, weil er mit seiner Pfeife die Mannschaft zusammenrief. Schon besorgten wir, daß sie diese traurigen Feierlichkeiten nur darum belauscht haben möchten, damit sie die Leichname wieder ausgraben und ein Kannibalenfest damit abhalten könnten; denn wir zweifelten gar nicht, daß wir es mit Menschenfressern zu tun hätten. Indessen entdeckten wir bald, daß sie zwar beständig lauerten, aber nur in der Absicht, andere Haufen von Eingeborenen abzuhalten, daß sie nicht mit uns handeln sollten, ohne ihnen etwas von dem Gewinne abzugeben. Nach ihren täglichen Besuchen zu urteilen, hätte man glauben sollen, ihre Wohnungen, obgleich wir noch nie eine entdeckt hatten, müßten in der Nähe sein. Jetzt aber erfuhren wir, daß sie ein streifendes Volk ohne feste Wohnplätze wären und da schliefen, wo sie könnten oder Lust hätten. Ja, daß sie sogar zwischen Tag und Nacht keinen Unterschied machten, sondern bald zu dieser, bald zu jener Zeit umherwanderten. Des Nachts zündeten sie nie ein Feuer an, aus Furcht, von anderen Stämmen, mit denen sie in unaufhörlicher Feindschaft zu leben schienen, überfallen zu werden. Diese Feinde hätten aber über das Eis zu ihnen kommen müssen; denn von Schneeschuhen wußten sie nichts, und ohne diese konnte man unmöglich durch die Wälder dringen.

Der Monat März erleichterte unsere Leiden nicht; er war ebenso kalt wie die beiden vorhergehenden. Im Anfang fiel noch eine Menge Schnee, wobei die Anzahl unsrer Kranken sich wieder vergrößerte und der Skorbut an denen, die ihn schon hatten, noch heftiger wütete. Während dieses Monats hatten wir die traurige Pflicht, den Leichen unseres Wundarztes und Lotsen die letzte Ehre zu erweisen. Diese Unfälle trafen uns sehr schwer; und der Verlust des Wundarztes zu einem Zeitpunkt, da ärztliche Hilfe uns so notwendig war, wird erkennen lassen, daß unser Elend den höchsten Grad erreicht hatte.

Unser erster Offizier fühlte wieder eine Anwandlung seiner Unpäßlichkeit und nahm seine Zuflucht abermals zu dem Mittel, das ihm bereits so heilsame Dienste geleistet hatte. Er machte sich Bewegung und nahm den Saft des Tannenbaums ein. Eine Abkochung von Tannensprossen, die er sich hergestellt hatte, schmeckte sehr ekelhaft und blieb, auch sehr verdünnt, nicht leicht im Magen. Sie wirkte vielmehr zu wiederholten Malen als ein Brechmittel, ehe man davon Fortschritte in der Kur bemerkte. Aber vielleicht kam gerade das Erbrechen, indem dadurch die ersten Wege gereinigt wurden, den ferneren heilsamen Wirkungen dieses antiskorbutischen Mittels zustatten. Der zweite Offizier und einer oder ein paar von den Matrosen beharrten bei ebender Methode, hatten denselben guten Erfolg und erholten sich aus einem sehr entkräfteten Zustande. Unglücklicherweise ist eines der schlimmsten Symptome dieser traurigen Krankheit eine gänzliche Abneigung gegen alle Bewegung und ein Schmerz, der an die heftigsten Qualen grenzt, sooft man es nur versucht, sich Bewegung zu machen, die doch das wesentlichste Heilmittel zu sein scheint.

Nachdem wir unsern Wundarzt verloren hatten, fehlte es uns nun gänzlich an allem ärztlichen Beistande. Soweit die zärtlichste und wachsamste Sorge den Kranken Erleichterung schaffen konnte, erhielten sie diese von mir, von dem ersten Offizier und einem Matrosen, den einzigen Personen, die noch imstande waren, ihnen diesen Dienst zu leisten. Wir mußten aber noch mit Jammer sehen, daß die schreckliche Krankheit allmählich einen nach dem andern von unserer Mannschaft hinwegriß. Nur zu oft ward ich zu der schauerlichen Arbeit gerufen, die Leichname über das Eis zu schleppen und sie in ein nicht tiefes Grab zu legen, das wir mit unseren eigenen Händen ausgehauen hatten. Der Schlitten, auf dem wir unser Holz holten, war ihre Bahre, die Spalten im Eis wurden ihre Gruft. Doch diese unvollkommene Totenfeier ward von einer so wahren und aufrichtigen Betrübnis begleitet, wie sie nicht einmal den Stolzen bei ihren prunkenden Leichenbegängnissen in die Totengewölbe folgt. Fürwahr, das einzige Glück, die einzige Erleichterung in unserem Elend bestand darin, daß wir uns zuweilen von dem Schiffe entfernten, um in der Einsamkeit das Geächze der Leidenden nicht zu hören und unsere rettungslose Lage zu vergessen. Alle herzstärkenden Mittel waren längst aufgebraucht, und es blieb uns zur Speise für die Kranken nichts anderes als Zwieback, Reis und ein geringer Vorrat an Mehl. Wir hatten weder Wein noch Zucker mehr für sie. An gesalzenem Rind- und Schweinefleisch fehlte es uns zwar nicht; allein, wäre das jetzt auch eine geeignete Kost für uns gewesen, so hätte doch der Abscheu, den unsere Leute vor ihrem bloßen Anblicke zeigten, alle heilsamen Wirkungen vereitelt. Fische und Geflügel konnten wir jetzt im Winter nicht mehr bekommen. Zu den seltensten Leckerbissen gehörte zuweilen eine Krähe oder eine Seemöwe, und ein wahrer Schmaus waren die Adler, von denen wir einige erlegten, da sie um uns herschwebten, als ob sie vielmehr uns zum Raube ausersehen hätten, anstatt uns zur Speise dienen zu sollen. Endlich mußten wir uns wider Willen entschließen, unsere Ziege und den Ziegenbock, die auf der ganzen Reise unsere Gefährten gewesen waren, abzuschlachten, um die Kranken vierzehn Tage lang mit der Brühe und anderen Zubereitungen von ihrem Fleische zu erquicken.

Ende März kam heran, ohne daß die Witterung sich änderte. Die Kälte dauerte mit unerbittlicher Strenge fort. Doch flößte uns der Anblick der Sonne, wenn sie am Mittag nur eben über die Gipfel der Gebirge hervorkam, einige Hoffnung ein. Das Thermometer hatte diese Zeit über meistenteils auf 10° unter Null gestanden.

In den ersten Tagen des Aprils hatten wir harten Frost und heftige Stürme, und auch noch gegen die Mitte des Monats stürmte es einige Male fürchterlich von Süden her. Diese Winde jedoch bringen hier den Sommer mit, so wie die Nordwinde gewöhnlich im Sommer herrschen. Der veränderte Wind verursachte, wie man sich vorstellen kann, eine merkliche Änderung in der Lufttemperatur. Allein, er brachte daneben Schnee in großer Menge, und da er nicht anhielt, sondern bald wieder der Nordwind an seine Stelle trat, so ward die Kälte wieder so streng wie zuvor. Gegen Ende des Aprils kämpften diese entgegengesetzten Winde unaufhörlich gegeneinander; und dies war um so lästiger, als es trübes Nebelwetter verursachte. Während des Südwindes wurden die Kranken elender. Wir hatten in diesem Monat vier Europäer und drei Laskaren zu begraben. Der zweite Offizier und der Matrose, die sich zum Gebrauche des Tannensaftes entschlossen hatten, fühlten sich jetzt soweit wiederhergestellt, daß sie auf das Verdeck kamen und den kurzen, aber willkommenen Sonnenschein genossen. Dieser Umstand bewog manchen von unseren Kranken, sich an den Tannensprossensaft zu halten, und einige ließen sich auch bereden, damit fortzufahren. Die meisten aber bekümmerten sich nicht darum und blieben fest entschlossen, nach ihrem derben Ausdruck, lieber allmählich zu verrecken, als die Qual eines so ekelhaften und peinlichen Heilmittels zu erdulden.

Gegen Ende des Monats stieg das Thermometer in der Mittagssonne bis zum Gefrierpunkt. Aber in der Nacht fiel es wieder ziemlich tief. Während der letzten drei Tage im April brachten uns die Eingeborenen einige Seevögel und Heringe. Die Fische verteilte ich selbst unter die Kranken; und keine Worte können die Freude schildern, die beim Anblick dieser wohltätigen und erquickenden Speise aus ihren hageren Gesichtern hervorleuchtete. Ich versäumte es nicht, die Eingeborenen auf alle Art und Weise aufzumuntern, daß sie fortfahren möchten, uns mit diesem stärkenden Nahrungsmittel ununterbrochen zu versorgen.

Jetzt fingen sie auch an, uns mit der Versicherung zu trösten, daß die Kälte bald ein Ende haben würde. Sie hatten uns durch Herrechnen der Monde jederzeit zu verstehen gegeben, daß der Sommer Mitte Mai anfinge. Jetzt beschrieb die Sonne schon einen großen Kreis über die Berge, und in der Mitte des Tages war sie uns sehr erquickend. Wir erhielten auch öfters Fische und wagten es wieder, uns mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß wir Übriggebliebenen noch diesem öden, unwirtlichen Lande entrinnen und wieder in unser Vaterland zurückkehren könnten. Diese Gedanken belebten unsere Kranken so sehr, daß sie sich auf das Verdeck bringen ließen, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Viele von ihnen wurden indes ohnmächtig, sobald sie an die frische Luft kamen. Seltsam war es auch, daß viele dem Anschein nach noch eine erstaunliche Lebhaftigkeit des Geistes behalten hatten und, solange sie im Bette lagen, wie gesunde Leute von allem sprechen und alles vernehmen konnten, hingegen bei der geringsten Bewegung, ja, wenn man nur die Seiten der Hängematten berührte, die heftigsten Schmerzen bekamen und von einer Ohnmacht in die andere fielen, so daß man jeden Augenblick ihr Ende erwarten mußte. In diesem Zustande blieben sie dann länger als eine halbe Stunde, ehe sie sich wieder erholten.

Bis zum 6. Mai veränderte sich alles um uns her auf eine erstaunliche Art. Diejenigen Matrosen, die nicht gar zu sehr entkräftet waren, erholten sich nach Gebrauch des Saftes mit einer ans Wunderbare grenzenden Geschwindigkeit. Wir hatten Fische, soviel wir nur verlangten, und wurden von den Eingeborenen mit vielen Seevögeln versorgt. Auch hatten wir schon manchen Zug wilder Enten und Gänse über unsere Köpfe wegfliegen sehen, leider aber war uns noch keiner der Vögel nahe genug vor die Flinte gekommen.

Am 17. Mai kam eine Gesellschaft von Indianern, die den Häuptling dieses Sundes namens Schenowäh an ihrer Spitze hatte, mit großer Feierlichkeit an Bord, um uns wegen der Rückkehr des Sommers zu beglückwünschen. Sie berichteten uns zugleich, daß sie zwei Schiffe in See erblickt hätten. Diese Nachricht ward uns verschiedentlich von andern Wilden bestätigt. Wir wagten es aber kaum, sie zu glauben, bis am 19. die Ankunft zweier Kanus, die ein europäisches Boot geleiteten, sie bewahrheitete. In diesem Boote besuchte uns Kapitän Dixon, Kommandant der »Königin Charlotte«, die zugleich mit dem »König Georg« unter Kapitän Portlock von London auf der Montague-Insel angelangt war, wo Dixon auf die ihm von den Indianern übermittelte Nachricht die Schiffe verlassen hatte, um uns zu besuchen.