Wenn man alle Umstände berücksichtigt, wird man nicht umhin können, diese Zusammenkunft für etwas Außerordentliches zu halten. Und erwägt man die schauderhafte Lage unserer Mannschaft, ihre Krankheit, ihre Betrübnis, ihre lange Abgeschiedenheit und die tötende Furcht, daß selbst, wenn nun die günstigere Jahreszeit einsetzte, ihre Entkräftung und der Zustand des Schiffes ihnen dennoch die Abreise unmöglich machen würden, so wird man sich nicht wundern, daß Kapitän Dixon von uns wie ein Rettungsengel mit Freudentränen bewillkommnet ward.
Gegen den 12. Mai wirkte die Mittagssonne bereits sehr kräftig, und der anhaltende Südwind machte die Luft mild und angenehm. Das Thermometer stand den Tag über im Schatten auf 5° Wärme. Aber in der Nacht fiel es wieder zum Gefrierpunkt, und alsdann überzog sich das, was bei Tage aufgetaut war, mit einer dünnen Eiskruste. Die große Eismasse, die uns umgab, fing nun an, sich vom Ufer zu trennen. Die Flut, die hier 18 Meter steigt und fällt, zerbröckelte sie unaufhaltsam, und zugleich führte das vom Auftauen im Lande abfließende Wasser ganze Stücke Eis mit sich in See. Bald nachher taute alles um das Schiff her auf, und wir sahen mit Vergnügen, daß es sich wieder um seinen Anker bewegte. Unsere Kranken näherten sich zusehends ihrer Genesung, wiewohl ihrer zwei, ungeachtet der rückkehrenden Sonne und unserer äußersten Sorgfalt, die Zahl der Opfer vermehrten, denen das Schicksal ihren letzten Schlaf an diesen grauenvollen Ufern bestimmt hatte. Das Land blieb noch immer mit Schnee bedeckt, und außer Tannensprossen zeigte sich uns keine erreichbare Spur von Pflanzenwachstum. Wir mußten uns übrigens glücklich preisen, daß der strenge Winter uns noch diese gelassen hatte, und daß sie jedem, der anhaltenden Gebrauch davon machte, ein wirksames Heilmittel wurden.
Am 17. Mai löste sich in der ganzen Bucht alles Eis, und da wir uns wieder in offenem Wasser befanden, so erquickte die Hoffnung, jetzt bald diese Szenen des Grauens und Leidens zu verlassen, unsere erschöpften Gemüter mit unaussprechlichem Troste.
Die Zahl der von uns hier festgestellten Indianer betrug nicht über fünf- bis sechshundert. Sie sind eine starke, grobknochige Rasse und wohl etwas größer als der Durchschnittseuropäer. Sie haben weder Städte noch Dörfer oder sonst einen beständigen Wohnort, sondern wandern unaufhörlich im Sunde auf- und abwärts, wie Laune und Not sie dazu treiben. Diesen ganzen Bezirk halten sie für ihr Eigentum und dulden darin keinen anderen Stamm, den sie mit ihrer Übermacht abhalten können, außer wenn er ihnen einen Tribut dafür entrichtet. Dringt aber, wie es zuweilen geschieht, ein stärkerer Stamm in das Gebiet, so ziehen sie sich auf gewisse Felsengipfel zurück, die nur vermittels einer Leiter, die man nach sich hinaufnimmt, zugänglich sind. Dahin schleppen sie sogar ihre leichtgebauten Kanus. Sie haben einen Häuptling. Schenowäh, der jetzige, war ein ganz alter Mann und fast gänzlich wieder zum Kinde geworden. Als er im verflossenen Herbste den ersten Besuch bei uns machte, brachte er drei Frauen mit, die er uns als seine Gattinnen bezeichnete. Wir erwiesen ihnen daher gebührende Aufmerksamkeit und beschenkten sie mit allerlei Sachen, von denen wir vermuten konnten, daß sie ihnen Freude machen würden. Außer diesen haben wir nur noch drei oder vier andere von den Frauen der Eingeborenen gesehen. Wir hätten sehr gewünscht, einen von ihren Knaben bei uns zu behalten, um von ihren Sitten und ihrer Sprache einiges zu erlernen. Allein, sie weigerten sich beständig, unser Verlangen zu erfüllen, wenn nicht auch wir einen von unseren Leuten bei ihnen lassen wollten. Der Häuptling selbst traute sich nicht, an Bord zu kommen, wenn nicht während des Besuchs einer von unseren Matrosen in seinem Kanu blieb.
Im Oktober 1786 brachte uns der Häuptling eine junge Frauensperson und bot sie uns zum Kaufe an. Wir erhandelten sie für eine kleine Axt und eine geringe Menge Glasperlen. Anfänglich glaubten wir, sie sei eine von seinen eigenen Frauen; allein, sie gab uns bald zu verstehen, daß sie eine Kriegsgefangene und nebst einer Anzahl von Landsleuten ihren Feinden in die Hände gefallen sei. Die anderen wären alle getötet und verzehrt worden, was das allgemeine Los der Kriegsgefangenen sei. Sie allein hätte man leben lassen, damit sie den Frauen des Häuptlings aufwarten solle, die jetzt vermutlich ihrer Dienste überdrüssig oder vielleicht gar eifersüchtig auf sie geworden waren. Sie blieb beinahe vier Monate lang bei uns und schien sehr zufrieden mit ihrer Lage. Wir erfuhren von ihr, daß sie zu einem weiter südwärts wohnenden Stamme gehöre. Wir hatten uns vorgenommen, im folgenden Sommer längs der Küste hinzufahren, Pelzwerk einzuhandeln und sie ihren Verwandten wieder zurückzugeben, wenn nicht die Unglücksfälle, die uns hier trafen, diese Absicht gänzlich vereitelt hätten. Die Einwohner des Sundes schilderte sie uns jederzeit, wir wissen freilich nicht mit welchem Rechte, als die wildesten Leute an der ganzen Küste, wobei sie immer wiederholte, daß nichts als die Furcht vor unseren Kanonen sie abhielte, uns totzuschlagen und zu verspeisen.
Während des harten Frostes im Januar und Februar besuchten uns einige fremde, weiter südwärts wohnende Stämme aus der Nachbarschaft ihres Volkes. Durch diese Stämme schickte unser Mädchen eine Einladung an ihre Verwandten, uns zu besuchen. Wir fügten ein Geschenk von Glasperlen hinzu, um jene zu diesem Besuch aufzumuntern. Das Mädchen bestimmte uns die Zeit, da wir ihre Ankunft erwarten könnten, und wirklich erschienen sie ziemlich genau zu dem angegebenen Termin in drei einzelnen Kanus und brachten einen geringen Vorrat an Pelzwerk mit. Das Mädchen bat uns dringend um die Erlaubnis, mit ihnen zu reisen. Da wir uns aber von den Nachrichten, die sie uns geben konnte, einigen Vorteil für den Sommer versprachen, so erhielt sie eine abschlägige Antwort. Während indes einmal unsere Leute zum Frühstück gegangen waren, benutzte sie die Zeit, um in die Kanus zu entkommen, und wir haben sie nie wiedergesehen. Damals, als das Mädchen uns verließ, hatte der Skorbut noch nicht mit der Bösartigkeit wie später um sich gegriffen. Doch gab sie uns zu erkennen, daß auch ihr Volk an dieser Krankheit litte, daß man aber, sobald sich die Anzeichen bemerkbar machten, südwärts in ein besseres Klima zöge, wo Fische in Menge zu haben wären, die die Heilung stets bewirkten.
Die Einwohner des Sundes halten ihr Haar ziemlich kurz und hinten und vorn in gleicher Länge. Daher hängt es ihnen gewöhnlich so ins Gesicht, daß sie, Männer wie Frauen, es unaufhörlich wegstreichen müssen, um nur vor sich hinsehen zu können. Die Männer haben durchgehends einen Schnitt in der Unterlippe, zwischen dem vorstehenden Teil der Lippe und dem Kinn, und zwar in gleicher Richtung mit dem Munde, so daß der Einschnitt einem zweiten Munde ähnlich sieht. Die Knaben haben an derselben Stelle zwei, drei oder vier Löcher. Vielleicht ist also dieser Einschnitt ein Zeichen der Mannbarkeit. Die Frauen haben ebensolche Öffnungen wie die Knaben und stecken kleine Stückchen von Muscheln hinein, die wie Zähne aussehen. Männer und Frauen durchbohren den Nasenknorpel und tragen gewöhnlich einen großen Federkiel oder ein Stück Baumrinde darin. Bärte, die man freilich gewöhnlich nur an bejahrten Personen sieht, haben sie auf der Oberlippe und am Kinn; im Winter hängen oft Eiszapfen daran. Die Jüngeren reißen sich scheinbar die Haare aus, sobald sie zum Vorschein kommen. Ihre Backenknochen sind hoch hervorstehend, ihre Gesichter rund und platt, die Augen schwarz und klein, das Haar pechschwarz. Ihr ganzer Anblick ist wild und gräßlich. Die Ohren werden mit vielen Löchern durchbohrt, in denen Gehänge von Knochen oder Muschelwerk befestigt werden. Sie bedienen sich einer Art von roter Farbe, um sich Hals und Gesicht zu beschmieren. Wenn ihnen aber ein Verwandter stirbt, so brauchen sie dafür schwarze Farbe. Ihr Haar ist beinahe ganz mit Vogeldaunen bedeckt. Ihre Kleidung besteht in einem einfachen Rock von Seeotterfell, der bis auf die Knie herunterhängt und ihre Füße unverhüllt läßt. In ihren Kanus bedienen sie sich einer anderen Kleidung, die sie aus den Därmen des Wals verfertigen. Sie bedecken den Kopf damit und binden die herabhängenden Schöße um das Loch fest, in dem sie sitzen. Auf diese Weise kann kein Wasser in das Boot dringen, und sie sitzen trocken und warm. Eigentlich ist dieses ihr Hauptanzug, da sie bei weitem den größten Teil ihres Lebens in ihren Kanus zubringen. Man findet in den hiesigen Waldungen alle die verschiedenen Arten des Tannengeschlechts, die an der jenseitigen Küste von Amerika gedeihen. Ferner Schlangenwurz und Ginseng, wovon die Eingeborenen immer etwas als Arznei bei sich führen, obwohl wir es nie in Mengen auffinden konnten.
Die Wälder sind sehr dicht und erstrecken sich über zwei Drittel der ganzen Höhe der Gebirge, die oben in ungeheuren, nackten Felsenmassen endigen. Die schwarze Kiefer, die hier in großer Menge wächst, liefert sehr gute Segelstangen. Auch bemerkten wir bei unserer Ankunft im Sunde im September einige schwarze Johannisbeersträucher, aber sonst keine andere Art von Früchten oder Gemüsekräutern. Damals waren die Höhen auch schon mit Schnee bedeckt und die niedrigen Gründe durch die Ströme geschmolzenen Schnees von oben her gänzlich überschwemmt.
Die einzigen Tiere, die wir hier sahen, waren Bären, Füchse, Marder, wilde oder Bergziegen und Hermeline. Von den letzteren töteten wir nur zwei Paar, die von verschiedenen Gattungen waren.
Zur Zugzeit sahen wir Gänse in großer Menge nebst mancherlei anderen Wasservögeln. Aber außer Krähen und Adlern kamen uns keine in den hiesigen Wäldern einheimische Vögel zu Gesicht. Das Eisen hatte von all unseren Waren den höchsten Wert für die Indianer, und sie wählten vorzüglich solche Stücke, die an Gestalt der Spitze einer Lanze ähnlich sahen. Grüne Glasperlen waren ebenfalls sehr begehrt, zu anderen Zeiten aber wieder blaue und rote. Die Indianer bezeigten auch viel Vergnügen an unseren wollenen Jacken und an allen alten Kleidungsstücken der Matrosen.