Ihre Nahrung besteht gänzlich in Fischen; vorzugsweise aber essen sie den Wal. Weil Öl und Tran ihnen als größte Leckerbissen gelten, sind ihnen natürlicherweise die öligen Fische am liebsten. Sie pflegen sie sehr selten zuzubereiten. Wenn es aber geschieht, so zünden sie ein Feuer an, indem sie einige trockene Stücke Tannenholz aneinander reiben. Sie verfertigen sich wasserdichte Körbe und legen heiße Steine hinein, um das Wasser und die Fische zu kochen. Allein, selten geben sie sich die ihres Erachtens entbehrliche Mühe, ihre Speisen auf diese Art zu bereiten. In den kältesten Wintertagen sahen wir sie nie von ihren Küchen Gebrauch machen; doch konnte das vielleicht auch von Nebenumständen abhängen, die ihnen gerade damals die Kocherei erschwerten.
Unstreitig sind diese Menschen eine sehr rohe, wilde Rasse und besitzen einen ungewöhnlichen Grad von Unempfindlichkeit gegen körperlichen Schmerz. Hiervon sahen wir ein auffallendes Beispiel bei folgender Veranlassung: während des Winters hatte man unter allerlei anderem Kehricht auch einige zerbrochene Flaschen aus dem Schiffe geworfen. Einer von den Indianern, der den Haufen nach tauglichen Gegenständen untersuchte, schnitt sich mit einer Glasscherbe sehr tief in den Fuß. Sobald wir ihn bluten sahen, zeigten wir ihm, was ihn verwundet hatte, verbanden ihn und gaben ihm zu verstehen, dies sei die Heilmethode, deren wir uns in ähnlichen Fällen bedienten. Allein, jetzt machte er mit seinen Gefährten unser ganzes Verfahren lächerlich. Sie ergriffen auf der Stelle die Glasscherben und zerfetzten sich damit Arme und Beine auf eine fürchterliche Art, wobei sie uns belehrten, daß ihnen nichts Derartiges schaden könne.
Mit unbegrenzter Freude verließen wir am 21. Juni die Bucht, die Heimat eines Volkes von solchem Charakter und von solchen Sitten, in der wir den strengsten Winter überdauert hatten. Am folgenden Abend waren wir in offener See. Unsere ganze Mannschaft bestand aus 24 Mann, mich, die Offiziere und die beiden Matrosen mitgerechnet, die von dem Schiffe »König Georg« zu uns gekommen waren. Dreiundzwanzig Menschen hatten wir leider in dem unwirtlichen Sunde begraben. Die Übriggebliebenen waren indes guten Mutes, wennschon es einigen noch an Kräften fehlte, selbst an Bord zu gehen.
Kaum hatten wir uns vom Lande entfernt, so blieb der Wind südlich und hüllte uns in einen dichten Nebel. Diese Witterung, die uns in unserm erschöpften Zustande kaum erträglich war, brachte uns zu dem Entschlusse, in der Nähe der Küste zu segeln.
Zehn Tage lang hatten wir die See gehalten, ohne weiter südwärts als zum 57. Grad zu kommen. Unsere Leute, die auf dem Verdeck durchnäßt wurden, klagten über Schmerzen in den Beinen. Und diese schwollen ihnen dermaßen, daß einige das Bett hüten mußten. Hierauf beschlossen wir, landwärts zu steuern, da die Küste nur 40 Seemeilen entfernt war. Wir erblickten bald einen hohen Pik von sonderbarer Gestalt; und nicht weniger sonderbar waren sowohl dem äußeren Ansehen nach wie in ihren Sitten auch die Einwohner in dessen Nachbarschaft.
Sobald wir uns dem Lande genähert hatten, kamen uns eine große Menge Kanus entgegen, die sich von denen im Prince-Williams-Sunde an Gestalt sehr unterschieden. Sie bestanden aus einem einzigen Baumstamme, und viele waren zwischen fünfzig und siebzig Fuß lang, aber sehr schmal, nämlich nicht breiter als der Baum. Die Frauen waren die seltsamsten und greulichsten Menschengestalten, die wir jemals gesehen hatten. Wie die Männer im Prince-Williams-Sund hatten sie alle einen Einschnitt in der Unterlippe. Doch mit dem Unterschied, daß er hier viel breiter war und auf jeder Seite um einen guten Zoll mehr in die Wange hineinging. In dieser Öffnung tragen sie ein eirundes Stück Holz, wenigstens von sieben Zoll Umfang und einem halben Zoll Dicke, das rings um den Rand eine Hohlkehle hat, damit es in der Lippenspalte festgehalten werden kann. Vermittels dieser scheußlichen Erfindung ziehen sie die Lippe von den Zähnen abwärts und entstellen so ihr Gesicht auf die denkbar häßlichste Art. Dieses Volk schien die Einwohner des Sundes, die wir ihnen als Doppelmäuler beschrieben, zu kennen. Auch schienen sie jenen in der Sprache verwandt. Doch war der hiesige Stamm bei weitem zahlreicher. Vor uns hatte noch kein anderer Seefahrer diese Leute besucht. Hätte sich nicht in der Nacht ein günstiger Wind erhoben, so wären wir einige Tage bei ihnen geblieben.
Jetzt hatten wir bei heiterem Wetter nördlichen Wind, der ununterbrochen andauerte, bis wir die Insel Hawaii erblickten. Glücklicherweise war unsere Überfahrt vom festen Lande hierher von kurzer Dauer. Hätten wir nicht die Vorteile einer günstigen und schönen Witterung genossen, so läßt es sich, nach dem Zustande unseres Schiffes zu urteilen, sehr bezweifeln, ob wir je die Sandwichinseln erreicht haben würden. Die schauderhafte Krankheit, an der unsere Mannschaft so lange gelitten hatte, begleitete uns wirklich noch auf diesem Weg, und wir büßten noch einen Mann daran ein, ehe wir das wohltätige Klima erreichten, von dessen Zephiren man sagen kann, daß sie Gesundheit auf ihren Fittichen tragen. Zehn Tage nach unserer Ankunft in Hawaii war jede Spur von Krankheit unter uns geschwunden.
Wir verweilten hier einen Monat, und während dieser Zeit schienen die Insulaner kein anderes Vergnügen zu kennen, als uns Wohltaten zu erzeigen und ihre Gastfreundschaft an uns zu üben. Mit Freuden empfingen sie uns, und mit Tränen sahen sie uns wieder abfahren.
Nach einer sehr glücklichen Fahrt, auf der wir immer Passatwinde hatten, kamen wir am 20. Oktober 1787 in Typa, dem Hafen von Makao, an. Doch kaum hatten wir hier Anker geworfen, als sich schon die Vorboten eines Sturmes zeigten, mit dem es unser halbwrackes Schiff keineswegs aufnehmen konnte. Zwei französische Fregatten, die ungefähr ein Kilometer von uns vor Anker lagen, vermehrten unsere Besorgnisse. Menschen, die wie wir so lange von Unglück und Widerwärtigkeiten aller Art gemartert wurden, und die so lange keine politische Nachricht erhalten hatten, sind eben dazu geneigt, bei einer so ungewöhnlichen Erscheinung, wie es französische Kriegsschiffe in jenen Meeren sind, auf die ungünstigste Vermutung zu verfallen. Als wir verschiedene Boote mit Soldaten von diesen Schiffen abstoßen sahen, erwarteten wir das Schlimmste. Und da uns hier der neutrale Hafen schwerlich geschützt hätte, so fingen wir schon an, einer Gefangenschaft als der Schlußszene unseres Unglücks entgegenzusehen. Die Boote fuhren indes an uns vorbei und, wie wir später erfuhren, nach einem spanischen Kauffahrteischiff, um daselbst einige entlaufene Matrosen aufzusuchen. Die französischen Schiffe waren die Fregatte »Kalypso« von sechsunddreißig Kanonen und ein Proviantschiff. Wir waren gleichsam dazu bestimmt, bis auf den letzten Augenblick von Unfällen verfolgt zu werden. Die Elemente verschworen sich gegen uns, sobald unsere Furcht vor dem Feinde in menschlicher Gestalt verschwunden war. Es erhob sich nämlich jetzt ein so fürchterlicher Sturm, daß die »Kalypso« sich nur mit Mühe und Not auf ihrer Stelle hielt, indem sie fünf Anker auswarf. Man urteile nun, in welcher Lage wir uns an Bord der »Nutka« befanden, da wir jetzt nur einen Anker übrig hatten. Nach einigen glücklich überstandenen gefährlichen Augenblicken sahen wir uns zuletzt genötigt, das Schiff auf den Strand zu jagen, um das einzige Rettungsmittel, das uns noch übrigblieb, nicht zu verscherzen. Das war das Ende unserer Reise.