Als das Zelt aufgeschlagen war und er die Kranken ziemlich versorgt hatte, nahm der Arzt eine Flinte unter den Arm und ging ein wenig spazieren. Unterwegs traf es sich, daß eine wilde Ente über seinem Kopfe dahinflog, er schoß also nach ihr und traf sie so gut, daß sie mitten unter eine Gruppe der Eingeborenen jenseits des Flusses tot niederfiel. Das jagte den Wilden einen solchen Schrecken ein, daß sie im ersten Augenblick alle davonliefen. Erst nach einer ganzen Strecke blieben sie wieder stehen. Er winkte ihnen nunmehr zu, sie sollten ihm die Ente herüberbringen. Einer von ihnen traute sich vor, kam über den Fluß und legte blaß und zitternd das Tier zu seinen Füßen nieder. In ebendiesem Augenblick flogen noch verschiedene andere Enten von ungefähr an dem Schützen vorbei. Er schoß also wieder und traf glücklicherweise noch drei davon. Dieser Vorfall flößte den Eingeborenen eine solche Furcht vor der Feuerwaffe ein, daß sie, wenn man ihnen eine Flinte wies, sofort wie eine Herde Schafe davonliefen.
Da ich mir im voraus vorstellen konnte, daß zwischen denjenigen von unseren Leuten, die am Lande waren, und den Eingeborenen ein Schleichhandel nicht ausbleiben würde, und daß, wenn man sie in dieser Sache nach ihrem Gutdünken ungestört handeln ließe, nichts als Unheil und Zwistigkeiten daraus entstehen würden, befahl ich, daß aller Handel zwischen beiden Parteien durch die Hände des Waffenoffiziers gehen und von ihm ganz allein betrieben werden solle. Ich trug ihm auf, ernstlich darauf zu achten, daß unsere Leute den Insulanern kein Unrecht täten, weder durch Gewalt noch durch Betrug; er solle sich ferner auf alle Weise bestreben, den alten Mann, der sich uns hilfreich erwiesen, zum Freunde zu behalten. Der Offizier entledigte sich dieses Auftrags mit großer Gewissenhaftigkeit. Wir hatten dem erwähnten Greise vieles zu verdanken. Durch seine Vorsicht brachte er unsere Leute dahin, daß sie gegen die Insulaner beständig auf ihrer Hut waren, und wenn er sah, daß der eine oder der andere vom Zeltort sich entfernte, geleitete er ihn jedesmal wieder dahin zurück. Die Eingeborenen stahlen zwar bisweilen etwas, doch durch die bloße Furcht vor einer Flinte, die in Wahrheit nie ernstlich gebraucht wurde, konnte der Waffenoffizier die Rückgabe der entwendeten Gegenstände erzwingen.
Eines Tages schlich sich ein Kerl unbemerkt über den Fluß und stahl ein Beil. Sobald der Waffenoffizier den Verlust bemerkte, gab er dem Greise zu verstehen, was vorgefallen war, und tat, als ob er sich mit allen seinen Leuten fertigmachen wolle, um in den Wald zu marschieren und dem Diebe nachzusetzen. Allein, der Greis gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er sich diese Mühe sparen könne. Er ging sofort allein in den Wald und brachte auch bald darauf das Beil wieder. Alsdann drang der Waffenoffizier darauf, auch den Dieb in seine Hände zu bekommen; zwar ließ sich der alte Mann offenbar nur schwer dazu bewegen, tat es aber endlich doch. Als der Kerl herbeigebracht wurde, erkannte ihn der Offizier sofort als einen von denen wieder, die uns schon mehrmals bestohlen hatten, und schickte ihn daher gefangen an Bord. Ich war nicht gesonnen, das Verbrechen anders als durch die bloße Furcht vor Bestrafung zu ahnden, setzte den Dieb daher nach vielen Bitten und Fürbitten wiederum in Freiheit und schickte ihn an Land. Ob die Eingeborenen über seine glückliche Rückkehr mehr erstaunt oder erfreut waren, ist schwer zu entscheiden. Soviel aber ist gewiß, sie empfingen ihn mit Frohlocken und führten ihn in die Wälder mit sich fort. Den folgenden Tag kam unser wieder in Freiheit gesetzter Gefangener freiwillig zurück und brachte dem Waffenoffizier einen beträchtlichen Vorrat an Brotfrucht und ein gebratenes Schwein, vermutlich um den Offizier wieder mit sich auszusöhnen.
Um diese Zeit beschäftigten sich meine Leute an Bord, das Oberdeck des Schiffes zu kalfatern und neu zu streichen, wickelten das Takelwerk auseinander und brachten es in Ordnung, räumten auch das Magazin auf. Kurz, ein jeder tat in seiner Art, was notwendig war. Unterdessen hatte meine Krankheit, die eine Art Gallenkolik war, sich so sehr verschlimmert, daß ich an diesem Tage bettlägerig wurde. Das ganze Kommando fiel also an den ersten Offizier. Diesem gab ich seine Verhaltungsmaßregeln und ermahnte ihn, auf die Landmannschaft ganz besonders achtzugeben. Ich ordnete auch an, daß man dem Schiffsvolk Früchte und frische Lebensmittel reichen sollte, solange dergleichen nur zu bekommen wäre, und daß nach Sonnenuntergang die Boote niemals vom Schiffe abwesend sein dürften.
Eines Nachmittags kam der Waffenoffizier mit einer Frau an Bord; sie war von großer Statur, mochte ungefähr 45 Jahre alt sein und hatte außer einer angenehmen Gesichtsbildung einen wirklich majestätischen Anstand. Er sagte mir, sie sei erst kürzlich in diese Gegend des Landes gekommen, und da er beobachtet hätte, daß die andern Eingeborenen viel Ehrfurcht vor ihr bezeigten, habe er ihr einige Geschenke gemacht. Um diese zu erwidern, habe sie ihn in ihre Wohnung eingeladen, die ungefähr zwei Kilometer talaufwärts liege, und dort habe sie ihm einige recht große Schweine geschenkt. Nachher sei sie mit ihm nach der Wasserstelle zurückgegangen und habe Verlangen bezeigt, mit an Bord des Schiffes zu gehen. Er habe es für ratsam gehalten, ihr Verlangen zu erfüllen, und habe sie begleitet. Sie schien gleich beim Betreten des Schiffes ganz ohne Mißtrauen und Furcht, überhaupt ganz ungezwungen zu sein, und die ganze Zeit über, die sie an Bord bei uns war, betrug sie sich mit einer ungekünstelten Freimütigkeit, die man bei allen Personen zu bemerken pflegt, die sich ihrer Vorzüge bewußt und zu herrschen gewohnt sind. Ich gab ihr einen großen blauen Mantel, der ihr von den Schultern bis auf die Füße hinabreichte, hing ihr diesen um und band ihn mit Bändern fest. Auch gab ich ihr einen Spiegel, Glasperlen und viele andre Sachen mehr. Alles nahm sie auf die würdigste Art an und bezeigte ihr Wohlgefallen darüber. Sie bemerkte, daß ich krank gewesen war, und wies aufs Land. Ich deutete mir das so aus, als ob sie meinte, ich solle dahin gehen, um meine Gesundheit wieder vollkommen herzustellen, und gab ihr also durch Zeichen zu verstehen, daß ich den anderen Morgen ihren Rat befolgen wolle. Als sie sich endlich anschickte, wieder zurückzukehren, befahl ich dem Waffenoffizier, sie zu geleiten. Nachdem er sie an Land gebracht hatte, begleitete er sie ganz nach ihrer Wohnung und beschrieb mir diese nachher als sehr groß und wohlgebaut. Er sagte, sie habe viele Leibwachen und Bediente in diesem Hause, und in einiger Entfernung noch ein anderes Gebäude, welches von einer Art Gitterwerk umgeben sei.
Den folgenden Morgen ging ich also zum ersten Male an Land, und meine Fürstin oder vielmehr Königin — denn ihrem Ansehen nach schien sie einen solchen Rang zu haben — kam bald nachher mit einer zahlreichen Begleitung zu mir. Da sie bemerkte, daß ich von meiner Krankheit noch sehr schwächlich war, befahl sie ihren Leuten, mich auf ihre Arme zu nehmen und nicht nur über den Fluß, sondern auch den ganzen Weg bis an ihr Haus zu tragen. Weil sie beobachtete, daß einige meiner Begleiter, insbesondere der erste Leutnant und der Schiffszahlmeister, ebenfalls krank gewesen waren, ließ sie auch diese auf die gleiche Art tragen. Ich hatte, als ich an Land ging, eine Leibwache mitgenommen, und diese folgte uns bei diesem Aufzuge nach. Unterwegs drängte sich eine sehr große Volksmenge um uns herum, sobald aber die Herrscherin mit ihrer Hand einen Wink gab, wichen die Eingeborenen zurück und machten vor uns Platz, ohne daß sie auch nur ein Wort gesprochen hätte.
Der Schiffsarzt nahm die Perücke vom Kopfe.
Als wir uns ihrem Hause näherten, kam uns eine große Zahl Leute beiderlei Geschlechts entgegen. Sie stellte mir alle Leute vor und gab mir zu verstehen, daß dies alles Anverwandte von ihr wären. Hierauf faßte sie meine Hand und reichte sie der ganzen Verwandtschaft zum Küssen dar. Endlich betraten wir das Haus, das etwa 100 Meter lang und 12 Meter breit war. Es bestand aus einem mit Palmzweigen bedeckten Dache und ruhte auf Pfosten, deren sich auf jeder Seite 39 und in der Mitte 14 befanden. Bis an die oberste Dachspitze gerechnet, war das Gebäude innen etwa 10 Meter hoch, die Pfosten aber, auf denen das Dach am Rande ruhte, waren nur etwa 4 Meter hoch. Unterhalb des Daches waren die Seiten alle frei und offen. Sobald wir das Innere des Hauses betreten hatten, nötigte die Königin uns zum Niedersitzen und rief sogleich vier junge Mädchen. Als diese herbeikamen, ließ sie sich von ihnen helfen, mir Schuhe, Strümpfe und den Rock auszuziehen, sodann befahl sie ihnen, mir die Haut mit ihren Händen ganz leicht zu massieren. Das gleiche ließ sie mit dem kranken Schiffszahlmeister und dem ersten Offizier vornehmen. Während diese Kur an uns vorgenommen wurde, suchte sich der Schiffsarzt, der sich auf dem Gange hierher sehr erhitzt hatte, ein wenig abzukühlen, und nahm in dieser Absicht seine Perücke vom Kopfe. Einer von den Eingeborenen bemerkte das und gab seinem Staunen durch einen lauten Schrei Ausdruck. Das lenkte die Aufmerksamkeit aller übrigen so sehr auf den guten Chirurgus, daß in einem Augenblick aller Augen auf das Wunderding geheftet und mit einem Male alle Verrichtungen unterbrochen waren. Die ganze Versammlung stand einige Zeit über in sprachlosem Erstaunen ganz unbeweglich da. Sie hätten sich wahrhaftig nicht erstaunter anstellen können, wenn sie gesehen hätten, daß unser Landsmann sich alle Glieder vom Leibe geschraubt hätte. Endlich gingen die jungen Mädchen, die uns massierten, wiederum an ihre Arbeit, und als sie diese ungefähr eine halbe Stunde lang fortgesetzt hatten, kleideten sie uns wieder an. Man kann sich indessen leicht vorstellen, wie ungeschickt sie sich dabei benahmen. Indessen bekam sowohl mir als dem Leutnant und dem Schiffszahlmeister die Massage sehr wohl.
Bald darauf ließ unsere gütige Wohltäterin einige Ballen von landesüblichem Rindenzeug herbeibringen und kleidete mich nebst meiner ganzen Gesellschaft mit diesem Zeuge nach der Mode ihres Landes. Anfangs verbat ich mir diese Gunstbezeigung. Weil ich indessen nicht gerne den Eindruck erwecken wollte, als ob mir das nicht gefiele, was in bester Absicht mit mir geschah, ließ ich mich endlich nach ihrem Willen kleiden.