Diese erfolgt im achten Brief:

Die formalen Logiker sind ebenso einfältig wie schelmisch, wenn sie nur noch in hergebrachter Weise den Intellekt oder den Gedanken als isoliertes Ding abhandeln und den notwendigen Zusammenhang ihres Objekts mit der wahren, das heißt empirischen Welt von der logischen Disziplin ausschließen. Die Formalen behandeln den Intellekt als eine Sache »für sich«, während ich mich in den mannigfachsten Wendungen ergehe, um darzutun, daß er nicht für sich ist, sondern mit allem und dem All zusammenhängt.

Die formale Logik lehrt, daß unser Intellekt alle Dinge nur auseinanderhalten und nicht konfundieren darf. Sie hat darin recht und verfehlt doch das Ziel einer klaren Weltanschauung, weil sie der überschwenglichen Ader gestattet, die Bedeutung der Unterschiede und Unterscheidungen zu übertreiben. Sie verkennt die paradoxe beziehungsweise dialektische Natur der Dinge, die nicht nur auseinanderliegen, sondern auch zusammenhängen. Es gilt zu begreifen, daß – ganz allgemein – die Einteilung der Welt nur eine Formalität ist. Wir sind wohl berechtigt, Oben und Unten, Links und Rechts, Anfang und Ende, Gold und Blech, Gutes und Böses auseinanderzuhalten, aber müssen uns auch darüber instruieren, wie die Mannigfaltigkeit eine Einheit, das Veränderliche beständig und das Beständige veränderlich ist. Die formale Logik hat einen ungerechten Namen; sie ist nicht formal, sondern überschwenglich; sie trägt sich mit dem gemeinen Vorurteil, daß es kontradiktorische Dinge oder Widersprüche gebe, das heißt essentielle Unterschiede, die keine Verbindung, keine Brücke, keine Gemeinschaft miteinander haben. Sie lehrt: Widersprüche können nicht sein, und widerspricht sich selbst, indem sie an dem Glauben festhält, daß unvereinbare Widersprüche existieren. Sie lehrt: was sich widerspricht, ist nicht denkbar, ist nicht wahr, und bezeugt damit, daß sie über die Formalität der Widersprüche, über die wahre Widerspruchlosigkeit und über die universale Wahrheit schlecht orientiert ist. Gold ist kein Blech – das ist wahr genug. Wer Gold Blech oder Blech Gold nennt, widerspricht sich. In der Welt der Wahrheit ist beides getrennt; aber nicht so getrennt, daß nicht auch Gold und Blech eine gemeinschaftliche, nämlich metallene Natur hätten. Gold und Blech sind ungleiche Metalle und besitzen doch metallische Gleichheit. Daß das Gleiche different und das Differente gleich ist, daß es sich überall nur um ein Mehr oder Minder handelt, nur um formelle Differenzen, das wird von der »formalen« Logik verkannt, verkannt von allen, welche die Wahrheit in irgendeiner logischen Schablone oder einem Fetisch und nicht im ewigen, allgegenwärtigen Dasein der einen untrennbaren Welt suchen.

Das krasseste und auch wohl das lehrreichste Beispiel von der rechten Bedeutung der Widersprüche ist in dem Gegensatz von Wahrheit und Unwahrheit gegeben. Diese beiden Pole liegen wohl noch weiter auseinander wie Süd- und Nordpol, und doch hängen jene wie diese innig zusammen. Der landläufigen Logik darf man es kaum zumuten, ihr eine scheinbar so widersinnige Einheit vordemonstrieren zu wollen, wie die ist, welche in der Wahrheit und Unwahrheit enthalten.

Die Welt ist die Wahrheit, und Irrtum, Schein und Lüge stecken in ihr, sind Teile der wahren Welt, wie die Nacht ein Teil des Tages ist, ohne die Logik zu konfundieren. Wir dürfen in ehrbarer Weise von echtem Scheine und wahrer Lüge sprechen, ohne Widersinn. Wie auch der Unverstand noch Verstand hat, so lebt auch die Unwahrheit immer noch und unvermeidlich in der Wahrheit, weil letztere das Allumfassende, das Universum ist.

Die Wahrheit, welche das Universum ist, die kosmische Welt- oder Universalwahrheit wird Dich die Widersinnigkeit der abnormen Demut erkennen lassen, die in der zwieschlächtigen Lehre von den zwei Geistern enthalten ist. Gewiß hat der Philosoph Kant einen höheren Intellekt wie Peter Simpel; aber dennoch besitzen auch alle Geister eine Generalgeisternatur, unter welche keine Intelligenz hinabsteigen, welche keine übersteigen darf, ohne den Namen, ohne Sinn und Verstand zu verlieren. Es ist nicht möglich, von einem anderen, höheren Denkvermögen, als dem durch Erfahrung bekannten menschlichen auch nur zu sprechen, ohne aus der Logik heraus in die Widersinnigkeit zu fallen. Unzweifelhaft besitzt die tierische Brut etwas dem Intellekt ähnliches; unzweifelhaft darf der Tiergeist vom Menschengeist mittels eines besonderen Namens, etwa durch den »Instinkt«, getrennt werden; unzweifelhaft wird unsere Vernunft durch Kultur von Generation zu Generation erhöht; aber daß irgendwo und jemals ein Begriffsvermögen existieren sollte, welches außer dem Weltzusammenhang steht – das ist ein durchaus sinnloser Begriff und eine verstandlose Sache. So notwendig wie alles Wasser eine Natur, eine nasse Natur, so notwendig hat jede Intelligenz und jeder Gedanke die generale Gedankennatur und muß verstandesgemäß ein Teil, ein bestimmter Teil der einen, gemeinen, empirischen Welt sein.

Diese Lehre von der Relativität der Gegensätze und von der Auflösung des Widerspruchs wird im neunten Brief durch Beispiele illustriert:

Man macht dem Sozialisten den Vorwurf, er hetze das Volk auf; er verspreche mehr, wie er leisten könne, und bringe dadurch den Unfrieden in die Menschenbrust. Tatsächlich wohnt und muß beim Frieden auch immer der Unfriede wohnen. Ein Volk, dessen Friede nicht mit dem entgegengesetzten Unfrieden verquickt oder durchtränkt ist, wäre ein Schlaraffenvolk. Dank dem Unfrieden in der Brust sind die Völker strebsam und bewegt: Bewegung ist die Essenz der Welt, und die bewegte Volkswelt ist nicht denkbar, ohne daß die Menschen begehrlich sind. Der Entwicklung oder Kultur wegen müssen die Völker immer mehr begehren, wie sie zunächst erlangen. Andererseits ist es mit der Begehrlichkeit nicht genug. Man darf nicht mehr begehren, als man zu erreichen vermag, nicht mehr versprechen, als man geben kann. Darum soll der logische Sozialist gleichzeitig wissen, daß auch im Zukunftsstaat die Bäume nicht in den Himmel wachsen, daß der Friede, den wir erstreben und erhoffen, immer ein mit Unfrieden verquickter Friede sein wird. Die Zukunftsmusik, wenn auch harmonischer wie die Musik der Gegenwart, wird doch ewig mit der Disharmonie behaftet bleiben.

Um im wahrhaften Zusammenhang zu denken, darfst Du kein Ding als selbständiges Ding ansehen, sondern alles nur als fließende Eigenschaft der einen Substanz, welche das Ding aller Dinge, die Welt, die Wahrheit und das Leben ist.