Unsere Logik ist also Wahrheitslehre. Die Wahrheit ist nicht oben, nicht unten, nicht zu Jerusalem und nicht zu Jericho, weder im Geiste noch im Gebein, sondern im All.

Unsere Logik ist Erkenntnislehre. Sie lehrt, daß Du nicht mit Grübelei, sondern nur im Zusammenhang mit der Erfahrung, im Gesamtzusammenhang nach Erkenntnis forschen darfst.

Da nun der Mensch mit der Erfahrung auch Irrtümer erfährt, so war die Wissenschaft jahrhundertelang von der Frage beherrscht, ob Wahrheit und Erfahrung nicht zweierlei, ob vielleicht nicht unsere ganze Erfahrung ein Gaukelspiel der Sinne sei. Cartesius antwortete darauf: Nein, der Glaube an das allervollkommenste, allerwahrhaftigste Wesen kann solche Betörung nicht zulassen. Wenn wir nun den Gottesbegriff durch den Wahrheitsbegriff ersetzen, dann sind wir wieder sicher, daß die Welt der Erfahrung kein Schemen, sondern allerwahrhaftigste Wirklichkeit ist.

Wie unser Gesicht das Sichtbare nie und nirgends erschöpft, das Auge also sein Objekt schaut, aber nicht durchschaut, so kann der Intellekt das absolute All, die Wahrheit oder Gottheit nicht auskennen oder ausgründen; aber was wir kennen und ergründen, sind leibliche Wahrheiten, sind Stücke der Generalwahrheit. Was die Erkenntnis erkennt, ist nicht die Wahrheit selbst und doch wahre Erkenntnis.

Wir gelangten also zu dem Resultat, beginnt der zehnte Brief, daß der Gedanke ein Weltteil ist. Das Weltall ist der Mutterschoß, wie überhaupt der Dinge, so auch des Intellekts.

Daß außer dem Weltall nichts existiert, oder im All alles enthalten, alle realen und phantastischen Existenzen, daß das All alles, weder süß noch sauer, weder groß noch klein, sondern eben alles und jedes – dieser Satz ist so selbstverständlich, wie der so lang und oft wiederholte Satz der Identität: A = A.

Die Logik soll Dich also lehren, daß alles, was das Unterscheidungsvermögen unterscheiden mag, von einer Art ist, alles Krethi und Plethi, aber das Ganze über allem Plebs eine himmelhohe Erhabenheit. Mit dem frivolen Atheismus, wie ihn die Aufklärer gebracht, ist es nicht genug. Dürre Gottesleugnung erzeugt immer wieder irgendeinen Götzendienst.

Mit dem Allerhöchsten, Unendlichen oder Absoluten muß die Logik beginnen. Alles kunstgerechte, daß heißt zusammenhängende Denken muß davon seinen Ausgang nehmen. Das naturwissenschaftliche Forschen nach endlichen Ursachen, nach dem Ei, woraus das Küchlein gekrochen, nach der Henne, woraus das Ei gekommen, nach den verwandten Organismen, welche durch Zuchtwahl und Anpassung à la Darwin die Henne entwickelt, – das sind überaus schätzbare Forschungen, ohne welche wir nie den Weltprozeß verstehen könnten; aber dennoch dürfen solche Erkenntnisse dem denkenden Menschen nicht genügen. Die Logik verlangt, verlangt von jedem, daß er nach dem Allerhöchsten, nach der Ursache aller Ursachen forscht. Wer das Bedürfnis hat, sein Bewußtsein in logische Ordnung zu bringen, will und muß wissen, wie das Endliche und Unendliche, das Relative und Absolute, die speziellen Wahrheiten und die Generalwahrheit ineinanderstecken.

Logisches Denken in dem Maße, wie es die Wissenschaft verlangt, heißt weiter nichts, als den letzten Grund, den absoluten Hinterhalt kennen, auf den alle Gedanken sich stützen. Dieser Hinterhalt ist das Weltall, welches den Menschenkopf, den äußeren und inneren, als Zubehör anhängen hat. Der jahrtausendealte Streit zwischen den Materialisten und Idealisten stellt die Frage: ob der Geist weltlich oder die Welt geistig ist. Unsere Antwort lautet klipp und klar: beides gehört zusammen, ist in Summa ein Ding, und das Ding aller Dinge. Der Geist und die Welt sind zwei Attribute der einen Natursubstanz. Wenn man sie einander entgegensetzt, verhalten sie sich wie Fleisch und Fisch, welcher letztere nach Lazar Geiger von afrikanischen Stämmen ganz trefflich »Wasserfleisch« genannt wird. Demnach sind Geist und Welt, wie Fleisch und Fisch, von verschiedener und doch von einer Art.

Nicht nur ist die Welt das Objekt, sie ist auch das Subjekt der Erkenntnis, sie erkennt, sie zerlegt mittels des Menschenkopfes ihre eigene Mannigfaltigkeit. Unsere Weisheit ist Weltweisheit in dem doppelten Sinne: die Welt ist das, was gewußt, unterschieden, analysiert wird, und die Welt ist es, welche das Wissen, Unterscheiden usw. mittels unseres Intellekts praktiziert. Wenn ich also den Menschengeist Weltgeist, Geist des Allerhöchsten nenne, so bitte ich wohl zu bemerken, wie damit gar nichts mystifiziert sein, sondern nur dargetan werden soll, daß sich das Denken oder die Intelligenz nur im Weltzusammenhang betätigen läßt, daß es keine Sache abnormer und überschwenglicher Art, sondern ein Ding ist wie andere Dinge.