Wir erkennen nicht nur, daß Vernunft und Wahrheit mit der Welt verbunden, sondern auch, daß das Weltganze die allerhöchste Vernunft und Wahrheit oder das Wesen ist, nach dem Religion und Philosophie lange gesucht, das allervollkommenste Wesen – von Plato das Wahre, Gute und Schöne, von Kant Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, von Hegel das Absolute genannt.

»Erkennen« ist ein mysteriöses Wort.

Erlaube mir, das Erkenntnisvermögen mit einem photographischen Apparat zu vergleichen, mittels dessen Du Dir ein Bild der Weltwahrheit zu machen gedenkst. Da siehst Du gleich, wie von diesem Objekt nur ein ganz nebelhaftes Bild abzunehmen ist. Der Gegenstand erscheint zu grenzenlos, zu unendlich groß und erhaben, als daß er sich kopieren ließe. Und doch ist ihm beizukommen. Wenn auch kein klares Bild der Wahrheit, können wir doch weltwahre Bilder klar machen, das heißt wir können das Unendliche stückweise konterfeien. Du kannst mittels Deines Intellekts die Unendlichkeit durch Begrenzung fassen.

Die absolute Wahrheit gibt sich uns in relativen Erscheinungen. Das vollkommene Wesen ist aus unvollkommenen Teilen zusammengesetzt. Arme und Beine, Kopf und Rumpf sind getrennt und jedes für sich nur ein Kadaverstück und doch im Zusammenhang durchaus lebensfähig. In der Weltwahrheit ist alles enthalten; sie ist das vollkommene Sein, enthält das gesamte Dasein vollkommen, somit auch das Unvollkommene. Falsches, Leidiges, Schlechtes und Häßliches steckt im Wahren, Guten, Schönen mitten drin. Das Gesamtdasein, das ist die absolute Wahrheit, ist aus Relativem, das Ganze aus Stücken, aus Erscheinungen oder Scheinbarkeiten zusammengesetzt. Und auch unsere Erkenntnis oder unser Denkapparat ist ein unvollkommenes Stück des vollkommenen Wesens. Von diesem Absoluten liefert er nur ein dämmeriges, unzulängliches Porträt, und von allen Teilen der Weltwahrheit doch treffliche Bilder, allerdings nur Bilder, aber treffliche.

Es gibt gute und schlechte, treffende und unzutreffende, wahre und irrige Gedanken und Erkenntnisse; aber absolut zutreffende gibt es nicht. Alle Vorstellungen und Begriffe sind unvollkommene Bilder des allervollkommensten Weltwesens, welches unerschöpflich ist sowohl im großen wie im kleinen, im ganzen und in allen Teilen. Jedes Stück der Natur ist ein Naturstück des Unbegrenzten.

Die Lehre der Sophisten, daß sich alles be- und verstreiten läßt, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der unserigen, welche besagt, daß das All die Wahrheit und alle Teile wahre Stücke, also Rauch und Nebel, Verstand und Phantasie, Erträumtes und Reales, Subjekt und Objekt wahrhaftige Einteilungen der Welt – nicht die Wahrheit und doch wahr sind. Es ist deshalb angezeigt, auf den Unterschied der sophistischen und logischen Denkweise aufmerksam zu machen.

Das geschieht im dreizehnten Brief:

Ist die ganze Welt nur ein Ding oder ein Sammelsurium unendlich vieler Dinge?