Der Mensch bekommt erst ein Bewußtsein, ein Vermögen zu wissen, nachdem er etwas weiß, und es wächst die Kraft mit der Ausübung.
Wenn wir jetzt behaupten, daß der Begriff des Universums ein angeborener Begriff sei, darf der geneigte Leser nicht schließen, daß wir deshalb das alte Vorurteil pflegten, wonach der Menschenverstand oder die Vernunft gleichsam eine Büchse sei, mit Begriffen gefüllt über das Wahre, Schöne, Gute und dergleichen Dinge. Nein, der Intellekt kann seine Begriffe, Vorstellungen, Urteile usw. nur selbsttätig durch Produktion hervorbringen, wozu die anderweitige Welt das Material hergeben muß; aber dies Produzieren setzt die angeborene Fähigkeit dazu voraus. Das Bewußtsein, das Wissen vom Sein, muß gegeben sein, bevor ein anderes spezielleres Wissen praktiziert werden kann.
Das Bewußtsein ist per se das Bewußtsein des Grenzenlosen. Das dem Menschen angeborene Bewußtsein ist die Wissenschaft des unbegrenzten Daseins. Wenn ich weiß, daß ich da bin, weiß ich mich als ein Stück des Daseins. Daß nun dies Dasein, diese Welt, wovon ich wie jedes andere Partikelchen nur ein Stück bin, eine unbegrenzte Welt sein muß, werde ich allerdings erst gewahr, wenn ich den Begriff des Seins mit einem gewitzigten Denkinstrument analysiere. Begriffs-, Erkenntnis-, Denkvermögen heißt vor allem das Vermögen, den Universalbegriff zu fassen. Der Intellekt kann keinen Begriff bilden, keine Vorstellung haben, denen nicht die Vorstellung oder der Begriff des Universums mehr oder weniger dunkel oder hell zugrunde liegt.
Daß unserem Denkvermögen die Denkfähigkeit, die universale, angeboren, ist doch keineswegs unbegreiflicher als auch, daß die Kreise rund, zwei Berge mit einem zwischenliegenden Tale, Wasser flüssig und Feuer brennend auf die Welt gekommen. Alle Dinge besitzen gewisse Beschaffenheit per se; sie sind damit geboren. Bedarf das noch einer Erklärung? Die Blumen, welche den Pflanzen mit der Zeit, und die Kräfte und Weisheit, welche den Menschen mit den Jahren anwachsen, sind nicht erklärlicher als die angeborenen Eigenschaften, und die angeborenen nicht wunderbarer als die später erlangten. Die beste Erklärung vermag den Wundern der Natur nicht die natürliche Wunderbarkeit zu nehmen.
Ich und mancher meiner Leser finden in unseren Köpfen das tatsächliche Bewußtsein, daß die Generalnatur, wovon der Intellekt ein Stück ist, eine endlose, unbegrenzte Natur ist. Diesen Begriff von der Universalität nenne ich »angeboren«, obgleich er ein erworbener ist. Ich versuche nämlich beim Leser geltend zu machen, wie der Unterschied, den man gemeiniglich zwischen angeborenen und erworbenen Eigenschaften, Fähigkeiten und Besitzungen macht, kein so extravaganter ist, daß nicht das Angeborene der Erwerbung bedürfe und das Erworbene eine angeborene Natur voraussetze.
Die Philosophie hat sich darum bemüht, den Intellekt zu erkennen. Bei der Darstellung ihres Akquisits haben wir zu erläutern, daß die Erkenntnis, die philosophische sowohl als jede andere, nicht aus dem isolierten Erkenntnisvermögen, sondern aus der Gesamtnatur entspringt. Die Gebärmutter unserer Kenntnisse und Erkenntnisse ist nicht nur im Menschenkopf, vielmehr in der Gesamtwelt zu suchen, welche nicht nur Universum heißt, sondern auch universal ist.
Das menschliche Bewußtsein ist zunächst ein individuelles. Jedes menschliche Individuum hat sein eigenes. Jedoch ist es eine Eigentümlichkeit meines, deines und jedes anderen Bewußtseins, nicht nur das Bewußtsein des betreffenden Individuums, sondern das Generalbewußtsein des Universums zu sein – wenigstens seinem Beruf und der Möglichkeit nach. Nicht jedes Individuum hat sich die Universalität der Generalnatur klar gemacht – woher käme sonst der vertrackte Dualismus? Woher die Notwendigkeit, daß erst die bändereiche Philosophie uns belehren mußte, wie eine Grenze, ein Ding oder eine Welt, außerhalb der universalen, ein unsinniger Gedanke, ein Gedanke ist, der sich mit Sinn und Verstand gar nicht verträgt? Wir mögen deshalb wohl die positive Erklärung abgeben, daß unser Bewußtsein, unser Intellekt nur »sozusagen« der unserige, eigentlich und wahrhaft jedoch ein Bewußtsein, ein Intellekt ist, welcher der universellen Welt oder Generalnatur angehört.
Wenn nicht zu leugnen, daß Sonne, Mond und Sterne eine Zubehör der endlosen, unermeßlichen Welt sind, so ist diese Eigenschaft doch auch unserem Bewußtsein nicht abzusprechen. Da also dies intellektuelle Vermögen dem Unermeßlichen angehört und sein Kind ist, dürften wir es nicht wunderlich finden, daß dies der Universalität angehörige Begriffsvermögen mit der Möglichkeit des Universalbegriffs zur Welt kommt. Und wer das nicht mehr wunderlich findet, muß es doch wohl erklärlich finden, muß finden, daß diese Tatsache des Bewußtseins erklärt ist.
In logischem Anschluß hieran handelt der siebte Abschnitt »von der Verwandtschaft, auch Identität genannt, zwischen Geist und Natur«.