Nicht nur Tastbarkeiten sind »Dinge«, auch Sonnenstrahlen und Blumendüfte gehören in diese Kategorie, und Erkenntnisse nicht minder. Aber alle diese »Dinge« sind nur relative Dinge, insofern sie Eigenschaften des Einen und Absoluten sind, welches das einzige Ding, das »Ding an sich« ist, einem jeden wohlbekannt unter dem Namen Universum oder Kosmos.
Dietzgen betrachtet nun im neunten Abschnitt, um sich mit der schulmäßigen Logik abzufinden, die »vier logischen Grundgesetze«, das Gesetz der Identität, des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten und des zureichenden Grundes. Er bedient sich hierzu eines Lehrbuchs des berühmten Wiener Pädagogen Dittes, des damals freigeistigsten unter den führenden Schulmännern deutscher Zunge. Zu den traditionellen »vier logischen Grundgesetzen« bemerkt Dietzgen unter anderem:
Wenn das erste Gesetz lehrt: die Dinge sind sich selbst gleich, so lehrt nun die Dialektik in ihrem ersten Paragraph: die Dinge sind nicht nur sich selbst gleich und einerlei vom Anfang bis zum Ende, sondern haben auch die widerspruchvolle Natur, einerlei und doch durchaus mannigfaltig zu sein. Insofern es ein Denkgesetz ist, daß wir uns mittels des Gedankens ein möglichst treffliches Bild von den Dingen machen, müssen wir uns auch von dem Denkgesetz belehren lassen, wie alle Dinge und Vorgänge ohne Ausnahme keine von jedem Standpunkt aus sich gleichbleibende Dinge sind, sondern der Farbe jener Seide gleichen, die, obschon sie sich selbst gleich oder einerlei bleibt, dennoch sehr ungleich in den verschiedensten Schattierungen schillert. Die Dinge, wozu das denkende Ding oder der menschliche Intellekt mitgehört, sind sowenig nur einerlei, von Anfang bis Ende, daß sie in der Tat und Wahrheit gar keinen Anfang und kein Ende haben, sondern als Naturerscheinungen, als Erscheinungen der endlosen Natur scheinen sie nur Anfang und Ende zu haben, während es in Wahrheit nur Verwandlungen sind, die zeitweise aus dem Unendlichen auftauchen und wieder darin verschwinden.
Die anfang- und endlose natürliche Wahrheit oder wahre Natur ist so widerspruchvoll beschaffen, daß sie nur in Erscheinungen sich äußert, welche dennoch durchaus wahr sind. Der alten Logik erscheint dieser Widerspruch unsinnig. Sie steift sich auf ihr erstes, zweites und drittes Gesetz, auf ihre Einerleiheit, ihre Widerspruchlosigkeit und auf das ausgeschlossene Dritte, welches entweder krumm oder gerade, entweder kalt oder warm sein muß und alles Dazwischenliegende ausschließt. Sie hat recht! Im Hausgebrauch muß man mit Gedanken und Worten so entschieden verfahren. Jedoch ist es zugleich zweckmäßig, sich vom Akquisit der Philosophie belehren zu lassen, wie es in der Wirklichkeit und Wahrheit nicht so exakt, nicht so ganz idealiter zugeht. Die logischen Gesetze denken von den Gedanken und ihren Formen und Anwendungen ganz richtig; aber sie erschöpfen das Richtige des Denkens und seiner Gedanken nicht; es entgeht ihnen das Bewußtsein von der Unerschöpflichkeit aller natürlichen Schöpfungen, wozu das Objekt der Logik, das menschliche Erkenntnisvermögen mitgehört. Dies Objekt ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ist ein endlicher Teil des Unendlichen, welcher tatsächlich die widerspruchvolle Natur besitzt, in, mit und an seinem besonderen logischen Naturell das allgemeine Naturwesen zu haben, welches über alle Logik erhaben ist. Die unendliche Natursubstanz ist ein durchaus bewegliches Element, darin alles Feste auftaucht und untergeht und deshalb wohl vorübergehend etwas Festes und zugleich schließlich doch nichts Festes ist.
Erwägen wir nun noch kurz das vierte Grundgesetz der Logik, demnach alles und jedes seinen zureichenden Grund haben muß. Auch dieses Gesetz ist wohl achtbar und ehrenswert; aber dennoch sehr unzulänglich, indem zu der Frage, wie wir die Welt zu denken haben und wie das höchst entwickelte Denkvermögen beschaffen ist, nunmehr die Antwort gehört: die Welt, worin alles seinen zureichenden Grund hat, ist dennoch mitsamt dem Bewußtsein oder Denkvermögen, wie ein anfang- und endloses, so auch ein grundloses, das heißt ein in sich und durch sich selbst begründetes Wesen. Der Satz vom zureichenden Grunde gilt nur für die menschliche Bildmacherei. In unseren logischen Weltbildern muß alles seinen zureichenden Grund haben; das Original jedoch, der universale Kosmos hat keinen Grund, er ist sich selbst Grund und Folge, Ursache und Wirkung. Zu verstehen, daß alle Gründe auf dem Grundlosen fußen, ist eine erhebliche dialektische Kenntnis, welche den Grundsatz von der Notwendigkeit des zureichenden Grundes erst ins rechte Licht rückt.
Formaliter muß alles seine Ursache und seinen Grund haben; realiter jedoch hat jedes Ding nicht einen Grund, sondern unendlich viele Gründe. Nicht nur Vater und Mutter ist der Grund und die Ursache meines Daseins, sondern auch Groß- und Urgroßeltern, nebst der Luft, die sie geatmet, der Nahrung, die sie genossen, der Erde, auf der sie gewandelt, der Sonne, welche die Erde bescheint, usw. Kein Ding, kein Prozeß, keine Veränderung ist der zureichende Grund eines anderen, vielmehr begründet sich alles und jedes mittels des Universums, welches absolut ist.
Indem die alte Logik das Denken dem anderweitigen Sein gegenübersetzte, hat sie den Zusammenhang der Gegensätze vergessen, vergessen, wie das Denken als eine Form, eine Art, eine Individualität ist, welches in die Gattung des Seins gehört, wie der Fisch in die Gattung des Fleisches, die Nacht in die Gattung des Tages, die Kunst in die Natur, das Wort zur Tat und der Tod zum Leben gehört.
Weil also die alte Logik mit ihren vier Grundsätzen zu borniert war, mußte von ihrer Fortentwicklung die Dialektik erzeugt werden, welche das Akquisit der Philosophie ist. Diese also erweiterte Denklehre begreift das Universum als das wahrhaft Universale oder Unendliche, worin alle Widersprüche im Mutterschoß der Versöhnung schlummern. Ob die neue Logik mit der alten einen Namen oder die aparte Benennung der Erkenntnistheorie oder Dialektik führen soll, ist ein Wortstreit, der einfach durch Opportunität zu entscheiden ist.
Die Abschnitte zehn und elf, »Die Funktion der Erkenntnis auf religiösem Gebiet« und »Die Kategorie der Ursache und Wirkung ist ein Hilfsmittel der Erkenntnis«, lehnen an Aussprüche des Psychologen Lazarus an, dessen Arbeiten (wie auch die von seinem Kollegen und Schwager Steinthal) Dietzgen sehr wertschätzte, weshalb er gegen manches Unzutreffende in Lazarus' Aussprüchen polemisierte. Doch von größerer Bedeutung ist für uns der zwölfte Abschnitt »Geist und Materie – was ist das Primäre?«
Das Akquisit der Philosophie gipfelt in dieser Erkenntnis, daß die Welt mannigfaltig und daß die Mannigfaltigkeit eins ist in ihrem gemeinschaftlichen weltlichen Naturell. Die Wissenschaften müssen uns ihre Objekte in dieser widerspruchvollen Weise darstellen, weil eben alle Dinge in diesem Widerspruche tatsächlich leben. Was die Museumszoologen und Herbariumsbotaniker auf dem räumlichen Gebiet der Tier- und Pflanzenwelt getan haben, akzeptieren die Darwinianer unter Zuziehung der zeitlichen Mannigfaltigkeit derselben Gebiete; die einen wie die anderen kategorisieren, klassifizieren, systematisieren. Dasselbe tun die Chemiker mit Kräften und Stoffen und Hegel mit den kategorischen Verhältnissen von Sein und Nichts, Quantität und Qualität, Substanz und Akzidenz, Ding und Eigenschaft, Ursache und Wirkung usw. Er läßt alles ineinander überlaufen, werden, fließen, sich bewegen, und tut sehr recht daran. Die ganze Welt bewegt sich und gehört zusammen.