Was jedoch Hegel verfehlte und wir zusetzen, besteht in der weiter gewonnenen Einsicht, daß der Fluß und die Beweglichkeit der namhaft aufgeführten Denkkategorien nur ein Exempel ist für die notwendige Beweglichkeit und den Ineinanderfluß aller Gedanken und Begriffe, welche selbst nur ein Exempel und Abbild des universalen Lebens sind, sein sollen und wollen.
Die idealistischen Philosophen, die alle wesentlichen Beiträge zu dieser schließlichen Spezialkenntnis geliefert haben, sind doch alle noch mehr oder minder in dem Wahne befangen, der Denkprozeß sei der wahre Prozeß und das wahre Original, die Natur oder das materielle Universum, nur ein sekundäres Phänomen. Jetzt ist nun zu begreifen, daß der phänomenale kosmische Zusammenhang, die universale lebendige Welt, die Wahrheit und das Leben ist.
Die zwei folgenden Abschnitte – dreizehn und vierzehn – sind der Frage gewidmet, »Inwieweit die Zweifel an der Möglichkeit einer klaren und deutlichen Erkenntnis überwunden sind« und »Über den Unterschied zwischen zweifelhaften und evidenten Erkenntnissen«.
Ad 1 gelangt Dietzgen zum Resultat:
Das Universum ist da, und zu seinem Dasein gehört alles; nichts oder kein Ding ist davon ausgeschlossen, am wenigsten die Erkenntnis. Letztere ist also nicht nur möglich, sondern ein Faktum, welches dazu noch durch den Begriff des allervollkommensten Wesens bewiesen wird.
Das muß uns doch über den Zweifel der Kritiker und speziell auch über den Kantschen Kritizismus oder besser Dualismus hinweghelfen. Kant hat das Dogma von der Möglichkeit der Erkenntnis nicht so unbesehen hinnehmen, sondern untersuchen wollen. Er hat dann entdeckt, daß wir rechtmäßig erkennen können unter der Bedingung, daß wir mit der Erkenntnis auf dem Felde der gemeinen Erfahrung bleiben, das heißt im physischen Universum, und nicht ins metaphysische Himmelreich abschweifen. Er hat aber nicht erkannt, daß die metaphysisch-himmlische Gegend, von der er abrät, zu unserer Zeit eine abgetane Sache sein würde.
Er läßt diese überschwengliche Möglichkeit noch bestehen und rät wohl ab, mit der Erkenntnis dorthin zu gehen, aber nicht, daß wir auch mit der Ahnung dort wegbleiben sollen. Kant haspelt zwischen dem »Ding als Erscheinung« und dem »Ding an sich«. Jenes ist irdisch und läßt sich erkennen, dies ist übermenschlich und darf geglaubt und geahnt werden. Mit dieser Lehre macht er wiederum die Erkenntnis, das Objekt der neueren Philosophie, zu einem problematischen Wesen, das uns auffordert, darüber weiter zu philosophieren.
Das ist geschehen, und ist es jetzt das Akquisit der Philosophie, »klar und deutlich« zu wissen und von der Erkenntnis zu erkennen, daß sie nicht nur ein Stück ist in dieser Welt der Erscheinungen, sondern ein wahres Stück der Generalwahrheit, welch letztere keine andere Wahrheit über sich noch neben sich hat und das allervollkommenste Wesen ist.
Ad 2. Um aus dem Erkenntnisproblem klug zu werden, müssen wir davon ablassen, den Blick auf einzelne Meinungen, Gedanken, Kenntnisse oder Erkenntnisse zu richten; wir müssen uns vielmehr den Erkenntnisprozeß im großen ganzen ansehen. Da gewahren wir die Entwicklung vom Zweifel zur Evidenz, von den irrigen zu wahren Erkenntnissen. Da gewahren wir aber auch, wie töricht es gewesen, von dem Gegensatz zwischen Wahrheit und Irrtum eine so überspannte Vorstellung gehabt zu haben.
Wer die Erkenntnis sucht, die wahre und evidente, findet sie nicht in Jerusalem, nicht in Jericho, auch nicht im Geiste; in keiner Einzelheit, sondern im Universum.