Da geht das Erkannte aus dem Unerkannten so allmählich und stufenweise hervor, daß gar kein Anfang zu ermitteln; sie wird und erwächst, ist halb irrig und halb trefflich und wird evident und evidenter; aber sowenig es jemals eine absolut irrige, sowenig kann es jemals eine absolut wahre Erkenntnis geben; absolut, fest, unvergänglich und unerschütterlich ist nur das Weltganze, aber keine Spezialität.
Ein Schlußwort unseres Autors ist der Bejahung des Seins gewidmet:
Das Begreifen, das Vermögen zu begreifen, war der modernen Menschheit von abergläubischen Altvordern als Ding einer »anderen Welt« überkommen. Der Wahn einer »anderen Welt« jedoch ist ein metaphysischer Wahn, der den Begriff des Seienden in Mißhelligkeiten brachte.
Das philosophische Akquisit versichert und beweist uns, daß es nur eine Welt gibt, daß diese Welt der Inbegriff alles Seins ist, daß dies Dasein wohl unendlich viele Arten hat, aber alle Arten dennoch von einer gemeinsamen natürlichen Natur sind. So hat die Philosophie den Begriff des Seienden zu einem einhelligen Begriff gemacht und mit der metaphysischen Mißhelligkeit auch die Metaphysik überwunden.
Das Sein, das allgemeine, hat nur eine Qualität: die natürliche des allgemeinen Daseins. Zugleich aber ist diese Eigenschaft der Inbegriff aller besonderen Qualitäten. Wie der Begriff des Krautes alle Kräuter umfaßt, auch die Unkräuter, so umfaßt der Begriff des Seienden nicht nur alles, was ist, sondern auch, was nicht ist, was einstmals war und künftig sein wird.
XI.
Dietzgens pädagogische und Lebensweisheit.
Der dritte Band von Josef Dietzgens Sämtlichen Schriften führt den Titel »Erkenntnis und Wahrheit«, weil er eine erweiterte Ausgabe des gleichnamigen Buches ist, das Eugen Dietzgen im Jahre 1908 – zum zwanzigsten Todestag seines Vaters – erscheinen ließ; es ist eine Sammlung von Briefen, Zeitschriftartikeln und kleinen Aufsätzen vermischten, teils philosophischen, teils nationalökonomischen, teils feuilletonistischen Inhalts; ein anderer Teil ist speziell der Propaganda des Sozialismus gewidmet. (»Zehn Briefe über Sozialismus an eine Jugendfreundin«.) Eine auszugsweise Wiedergabe des dritten Bandes in der vorliegenden Publikation erübrigt sich, weil unseres Autors naturmonistische Denklehre und Weltanschauung, deren Verbreitung dieses Büchlein dienen soll, in den die ersten zwei Bände umfassenden Schriften enthalten und in den sie resümierenden Abschnitten dieses Buches dargelegt ist. Wer die ersten zwei Bände studiert hat, wird an den vermischten Schriften des dritten Bandes um so größeres Vergnügen finden, als die Lektüre desselben dem mit des Autors Philosophie nunmehr Vertrauten keine schwere Denkarbeit fortan auferlegt, sondern ihn befähigt, die Wirksamkeit von Josef Dietzgens Lehren in ihrer Anwendung auf das allgemeine Denkgebiet wie auf die Lebenspraxis, einschließlich der politischen Taktik, zu beobachten.
Wenn der Marxist Josef Dietzgen nationalökonomische Themata behandelt, über die soziale Frage spricht und über den Sozialismus, ist es naturgemäß etwas anderes und etwas mehr – zumindest durch die philosophische Beleuchtung –, als was der Nurmarxist zu geben hat, wenn ihm weder Poesie die Flügel beschwingt, noch Philosophie den Horizont erweitert. Der Monismus des Alls, der Universalzusammenhang, wie ihn Dietzgen lehrt, ist bisher von der sozialdemokratischen Partei so gut wie gar nicht fruktifiziert worden, obwohl unser Autor am Schluß seiner Vorrede zum »Akquisit« ausdrücklich darauf hingewiesen hat, wie »der Zusammenhang und Ineinanderfluß der Dinge auch auf die Frage von >mein und dein< einen mächtigen und klärenden Bezug hat«. So vernachlässigte man bisher in der sozialdemokratischen Partei eins der ausgiebigsten Mittel zur Vertiefung sozialistischer Erkenntnis: die Übertragung der monistischen Lehre auf das soziale Gebiet, auf das Verhältnis der Menschen zueinander.