Kein Autor ist besser geeignet, als Dietzgen, Sozialisten zu Monisten – wenn sie es noch nicht sind – und aus Monisten Sozialisten zu machen. Letzteres gilt nicht zum wenigsten vom dritten Band, dessen sämtliche Stücke, was kaum besonders hervorgehoben zu werden braucht, in der Auffassung wie im Stil sich durch die Originalität, die unserem Autor überhaupt zu eigen ist, auszeichnen und Anregung zum Selbstdenken reichlichst bieten.

Als von einer in hervorragender Weise wertvollen Gabe darf hierbei die Rede sein von den »Privatbriefen Josef Dietzgens an seinen Sohn in Amerika« (1880 bis 1884), die den dritten Band eröffnen, nebst dem Geleitwort Eugen Dietzgens hierzu. Es ist anzunehmen, daß jeder, der für den Philosophen Josef Dietzgen Interesse gewonnen hat, sich freuen wird, daß ihm Gelegenheit geboten ist, den merkwürdigen Menschen etwas näher kennen zu lernen, aus dessen »Autodidaktenfeder« die unvergleichlich schönen und erhabenen Preisungen der Einheit des Alls geflossen sind. In Verbindung mit dem den ersten Band einleitenden Lebensabriß Josef Dietzgens durch seinen Sohn Eugen geben jene Privatbriefe des Vaters an ihn ein völlig klares Bild des seltenen Mannes, der seine Handwerker-Mußestunden der Lösung schwierigster philosophischer Probleme erfolgreich gewidmet hat; und sie zeigen uns nicht nur das unablässige Ringen des Philosophen um die Erkenntnis, sondern auch den Menschen Josef Dietzgen und besonders ihn als Familienvater und Musterpädagogen; wir sehen, wie er seine und der Seinigen Existenzfrage ventiliert und sie in großzügiger Weise zu lösen versteht – kurz, einen Denker, den die Theorien nicht für die Praxis verdorben hatten.

Josef Dietzgen, der Arbeiterphilosoph, war dreimal in Amerika; von Juni 1849 bis Herbst 1851, von 1859 bis 1861 und von Ende Juni 1884 bis zu seinem am 15. April 1888 erfolgten Tode.

Im Frühjahr 1880 schickte er seinen ältesten Sohn Eugen, nachdem dieser mit dem Reifezeugnis für die Prima das Progymnasium seiner Heimat Siegburg absolviert hatte, als »Quartiermacher« für die Familie nach den Vereinigten Staaten. Der junge Mann wäre lieber daheim geblieben, um das Gymnasialabiturientenexamen zu machen, die Universität zu beziehen und Gymnasiallehrer zu werden. Der Vater aber riet ihm, nach Amerika auf »die Hochschule des Lebens« zu gehen; dort könnte er sich eine bessere Existenz gründen und zugleich die jüngeren Geschwister mitversorgen helfen, um deren Zukunft Josef Dietzgen sehr besorgt war, weil sein kleinbürgerliches Geschäft, eine Lohgerberei, von Jahr zu Jahr durch kapitalistische Konkurrenz uneinträglicher wurde. Eugen sollte in Amerika irgendeinen kaufmännischen oder technischen Erwerbszweig erlernen; in einigen Jahren wollte der Vater mit den anderen Kindern nachfolgen und ihn eventuell mit dem Rest seines Vermögens bei Begründung eines eigenen Geschäfts unterstützen.

Dieser Plan wurde mit glänzendem Erfolg durchgeführt.

Aus den Briefen des Vaters an den Sohn (1880 bis 1884) sollen hier einige der wichtigsten Stellen mitgeteilt werden. Wir lernen aus ihnen den ganzen Josef Dietzgen kennen: wie er schafft, für seine Familie sorgt, seine Kinder erzieht, und wie er das Martyrium des philosophischen Forschers trägt, der in seiner schwierigen Denkarbeit durch die Notwendigkeit, zunächst die materielle Existenz der Seinigen sicherzustellen, sich zeitweilig gehindert sieht, aber keine der beiden unerläßlichen Aufgaben über der anderen vergißt.

Voll Rührung und Bewunderung liest man diese Briefe, die uns die pädagogische Kunst und die Lebensweisheit Josef Dietzgens zeigen, in zweiter Linie aber auch allen denen von Nutzen sein werden, die – ohne die väterliche Fürsorge eines so weisen Ratgebers – das Experiment unternehmen, im fernen Ausland ihr Glück zu suchen.

Der hier vorliegende Auszug bildet etwa den vierten Teil der im dritten Band der »Sämtlichen Schriften Josef Dietzgens« abgedruckten »Privatbriefe an den Sohn in Amerika«.

27. Mai 1880.

Hoffentlich sind bei Ankunft dieses die Gemütsmucken so ziemlich überwunden und die Seele wieder frisch. Ohne alles Weh kann so etwas nicht hergehen. Gefühle hat und muß der Mensch haben, aber sie müssen dem Verstand unterworfen werden. Wenn Dir also, lieber Eugen, für den Augenblick die Fremde nicht blitzt und schimmert und wenig Anregung bieten will, wenn Dir die fremden Menschen nicht gefallen wollen und nur immer an die Lieben und Bekannten traurig erinnern, die Du zurückgelassen, dann vertreibe Dir und kannst Du Dir die Traurigkeit recht schnell mit dem Gedanken vertreiben, daß es eben nur Stimmung, vorübergehende Stimmung ist; daß das, was Dir monatelang ein guter Plan geschienen hat, nicht durch eine momentane Gemütsfarbe schlecht werden kann.