Schiffe Dich nur getrost auf meine Verantwortung ein. Wenn Du Dir Land und Leute angesehen und dann zurückverlangst, werde ich jederzeit alles tun, was möglich ist, um Deine Wünsche zu befriedigen. Wenn mich aber meine Hoffnung nicht trügt, wirst Du Quartiermacher für uns alle sein. Sieh her! Der Gedanke, daß Du eine Mission hast, muß Dir Mut machen. Und es ist eine ernste Mission. Was hilft uns alle Schönheit des Vaterlandes, wenn es das tägliche Brot nicht geben will. Mit diesem Gedanken mußt und kannst Du der Fremde, den fremden Menschen, dem fremden Sonnenschein, den fremden Häusern, Zimmern und Eckchen, worin Du Dich kauern mußt, Poesie, Romantik abgewinnen. Ich habe immer viel davon gehabt, und Du hast auch davon, ich weiß es, hast von mir davon geerbt. Poesie und Romantik verklären das Leben unendlich, verklären den Genuß wie die Entbehrung. Nimm sie zur Hilfe, lieber Eugen, und lebe wohl und schreibe oft und ausführlich.
23. Juni 1880.
… Du mußt auch wissen, daß die Leute in den großen Städten und im bewegten Leben ihren Nebenmenschen nicht so sanguinisch entgegenkommen wie die Dorfbewohner. Diese lieben und verehren den Fremden, und jene vermuten einen Gauner, bis er sich selbst ehrsam gemacht hat … Einen Rat, den ich nicht oft genug wiederholen kann, den Dir aber auch die Verhältnisse jeden Tag predigen: nur möglichst wenig Prätension! Davon bringen alle Grünen zu viel nach Amerika.
… Man muß auch zu genießen verstehen, dann ist das Genuß, was sonst Widerwärtigkeit. Du müßtest nur wissen, wie elende dreijährige Handlangerdienste die Lehrlinge hier in Deutschland leisten müssen, um Dich als Amerikaner glücklich zu fühlen. Ich bin der Meinung, daß Du dort Deine Lehre in der Hälfte der Zeit absolvierst.[15]
4. Juli 1880.
… Daß Du Dich einsam fühlst in diesem interessierten großstädtischen Getriebe, ist sehr natürlich. Ich hoffe aber sehr, daß sich dies auch in kurzer Zeit bessern wird; und bis zur Ankunft dieses, denke ich, wirst Du schon hin und wieder Bekanntschaft machen, die Dein Gemütsleben stärkt und die Trennung von Deinen Lieben in der Heimat erleichtert. Gerade solche Trennung und entferntes Voneinanderleben läßt den gemütvollen Menschen den Wert eines innigen Familienlebens empfinden; es soll uns alle in dem Vorhaben bestärken, dasselbe zu pflegen und recht fest zusammen zu streben. Aber zu diesem Zweck will durchaus die ökonomische Frage – diesmal die Familienökonomie – befriedigend gelöst sein. Mit diesem Gedanken, daß Du mir helfen willst dazu, werden wir hoffentlich unseren Zweck und unsere Wiedervereinigung erreichen …
Du mußt Dir etwas angelegen sein lassen, K.[16] für Dich einzunehmen. Darfst nicht verlangen, daß er entgegenkommen oder sich irgend bequemen soll; nur immer denken: die Reihe ist an mir. Also nähere Dich wiederholt und unablässig; und scheint es Dir, als würdest Du abgewiesen, glaube nicht daran. Aus seinen Briefen hast Du ja ersehen, daß er mir gewogen, und bin ich überzeugt, wenn für irgend einen, tut er auch etwas für Dich, um meinetwillen. Diesen Glauben mußt Du haben, daran nicht kleinmütig werden, dann wirst Du auch reüssieren. Du darfst die Charaktere der Menschen nicht ändern wollen, sondern nur suchen, Deinen eigenen geschmeidig dem notwendigen Bedürfnis zu akkomodieren …
Dein ganzes Lernen kann zunächst in nichts bestehen wie im Umgang, besonders mit Englisch redenden Menschen. Pflege speziell den Verkehr mit K.s Kindern und den Damen im Hause.
Auch wenn Du zurückkehrst, wird der Amerikanismus sein Gutes haben. Man lernt dort wenigstens gewöhnlich den deutschen Humbug der Vornehmtuerei verachten und sein Glück nicht im Dekorum, sondern in sich selbst suchen. Wenn wir hier nur über das lächerliche Dekorum weg wären, dann könnten wir alle hier und überall leicht und glücklich leben.