Meine Überzeugung ist und bleibt: wenn Du nur kurze Zeit Dich im amerikanischen Geschäft umgesehen, wirst Du Deine Kenntnisse und Lebensstellung nicht mit einem hiesigen Gymnasiallehrer vertauschen wollen.

1. August 1880.

Kommt nun der Herbst, wirst Du drüben auch das schönste Klima der Welt kennen lernen.

Weil Du die antiamerikanischen Reden des Bodenseers so gläubig und antiamerikanisch aufgenommen, glaubte ich schließen zu müssen, daß Deine Stimmung antiamerikanisch geworden. Ich habe vor einigen Jahren eine Reisebeschreibung über die Vereinigten Staaten gelesen, in der alles, was ich selber dort erfahren und das mein Wohlgefallen erregt hatte, ganz wahrheitsgetreu geschildert und doch im abfälligsten Sinne beurteilt wurde. Die Sache hat mich damals königlich amüsiert, und erzähle ich es nur, um zu sagen und zu zeigen, wie natürlich es ist, daß alle Objekte subjektiv angeschaut werden. So ist es auch mit dem Kaufmannsstand: hüben wie drüben. Übrigens solche Leute wie Deine Reisegefährten, die großartig auftreten und nichts hinter sich haben, da ist Europa voll von, und ich bin überzeugt, daß der insoweit ehrenhaftere Charakter des Amerikaners, der die Bläherei nicht kennt, aber auch nichts davon ahnt, daß irgendeine Arbeit oder ein Erwerb unehrenhafter sein könnte wie die gedankenlose Wichtigtuerei, bei näherer Bekanntschaft Dir besser zusagt.

10. August 1880.

Die Welt ist überall schön, und wenn Du Dich ein wenig heimisch in Amerika gemacht, wird es Dir sicherlich dort gefallen. Deine Aufgabe ist gar nicht groß; nur sorgen, daß Du lernst, in irgendeiner Weise Dein Brot verdienen, dann habe ich die Kraft, Dir das weitere Verdienen leicht zu machen, und da ich Dich nun bis dahin unterstütze, so ist ja gar keine Ursache zum Zagen. Von ein paar Wochen der Einsamkeit im Menschenmeer von New York mußt Du Dich nicht unterkriegen lassen. Mit Mut und Sparsamkeit haben wir beide zusammen alle Mittel, um die Verhältnisse zu bändigen.[17] Leiste Dir etwas mehr Zerstreuung, benutze die Abende, um Bekannte aus der hiesigen Gegend, deren es genug dort gibt, aufzusuchen. Nimm Anteil an allem und an allen, an der Welt und nicht nur an Siegburg oder an irgendeinem anderen Krähwinkel.

29. August 1880.

Der Schritt, den wir beide getan, war in Anbetracht unserer Verhältnisse notwendig. Wenn Du Dir das zu Herzen nimmst, kannst Du sehr leicht sentimentale »Gedanken« – wäre ich da oder dort, hätte ich dies oder das ergriffen – aus dem Sinn schlagen. Die Welt ist überall schön und poetisch, und die Erwerbsverhältnisse sind in Amerika weit schöner wie hier; sie aber bilden die Grundlage alles Hohen und Schönen.

5. September 1880.

Noch ist unser Vermögen so viel, daß, wenn wir uns als Proletarier betrachten, es leicht wird, uns eine ganz erträgliche Proletarierexistenz zu schaffen. Wenn wir uns aber zur begüterten Klasse zählen und danach wirtschaften wollen, geraten wir in eine Lage, aus der es keine Rettung gibt. Meine Kinder sind für diese Erkenntnis zu kurzsichtig, darum habe ich die Pflicht, entsprechend zu handeln. Du sollst mir helfen, lieber Eugen, und wenn Du die Vereinigten Staaten kennen gelernt hast, wirst Du sagen, daß Du kannst … Auch was Ohm Philipp vorgeschlagen, wäre nicht gänzlich verfehlt. Wenn Du dort in ein paar Monaten die Schriftsetzerei erlerntest, könnten wir uns ganz leicht irgendwo ein Zeitungsunternehmen erwerben. Kurz, Mannigfaltiges sehen und lernen laß nur Deine Aufgabe sein; dann wirst Du nach zwei bis drei Jahren selber sagen, daß Du besser daran bist wie ein deutscher Gymnasiallehrer. Das sind ja doch meist arme, höchst einseitige, geknechtete Menschen, die über ihre erbärmliche Gelehrsamkeit kaum hinaussehen.