26. September 1880.
… Sehe mit Vergnügen, daß Du Dich daran gemacht, praktisch anzugreifen (in K.s Fabrikgeschäft). Daß Dir die Handarbeit für den Anfang schwer wird und Energie kostet, kann ich mir lebhaft denken. Nur Mut und Ausdauer! Wenn Du die rechte Einsicht hast, wie wertvoll es für das Leben der Zukunft ist, nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit Hand und Arm in die Räder der Volkswirtschaft eingreifen zu können, wie solche mannigfaltige Übung für die verschiedensten Lebenslagen geschickt macht, eine wie große Unabhängigkeit daraus resultiert, dann muß Dir das die Pein versüßen. Du hast ein gutes Beispiel an Haug. Wenn der nur im Polytechnikum und nicht auch in der Werkstätte gebildet wäre, würde es ihm nicht so leicht werden, von Siegburg nach Philadelphia überzusiedeln. Du sollst gewiß nicht das Taglöhnern lernen, sondern nur die Fähigkeit, ein halbes Handtagewerk zu leisten; das macht geschickt, hundert Dinge anzugreifen, denen der beste Federfuchser wie ein Tölpel gegenübersteht …
3. Oktober 1880.
Laß Dir nur ja recht angelegen sein, K. in jeder Beziehung zu befriedigen und ihn und seine Angehörigen[18] möglichst für Dich einzunehmen. In solchen Verhältnissen mußt Du etwaige Widerwärtigkeiten und Antipathien durch ernsten Willen zu überwinden suchen mit dem Gedanken, daß alles Unangenehme wenigstens ebensoviel subjektiv als objektiv ist. Man kann ja sowenig die Verhältnisse als die Menschen nach Wunsch ändern, sondern muß sie nehmen, wie sie eben sind, und aus allem das Beste zu machen streben …
Immer in der Gegenwart an alle Möglichkeiten der Zukunft denken, aber doch die Gegenwart und dreimal die Gegenwart warm halten …
Offenheit und Zutraulichkeit im Verkehr mit K. glaube ich Dir nicht genug empfehlen zu können. Niemals verschlossene Zurückhaltung; die führt zu nichts Gutem; lieber Bruch.
16. Oktober 1880.
Dein Gedanke, eventuell auch Anstreicher und Dekorateur werden zu können, hat mich froh gemacht. Der Reichtum aller Länder entwickelt sich stark und der Amerikas doppelt schnell; das sichert dem dekorativen Bedürfnis eine steigende Zukunft. Die Kunst soll dem Menschen dienen, mithin praktische Verwendung finden. Wenn Du Dich auf solchem gleichsam handwerkmäßigem Wege zum Künstler ausbilden kannst, das wäre ein rechter Weg. Aber nur ja nicht voreilig! Der kaufmännische Weg, auf dem Du gegenwärtig wandelst, gehört mit dazu und würde auch dazu später unberechenbare Vorteile gewähren. Ebenso der Umgang mit der Färberei in K.s Fabrik.
Versäume nichts, wo es etwas zu lernen gibt. Auch den mechanischen, maschinellen Teil betrachte nicht als außerhalb der Sphäre. In der modernen Industrie hängt alles mit den Maschinen zusammen. Denke nicht, ich mute Dir zuviel zu. Nur ein paar Handtäste, eben wissen, wie man eine Sache angreift, ist oft von großem Wert.
Nun möchte ich Dir noch warm empfehlen, unter allen Umständen wahre Bildung, nicht die mit Gänsefüßchen, nicht die »Bildung«, hochzuhalten und besonders in Amerika nicht zu vergessen, daß man schachern soll für das Leben, aber nicht leben für den Schacher. Auch im Urteil gegen und über Deine Umgebung nie hart, sondern stets human zu sein. Um liebenswürdig zu handeln, muß man liebenswürdig denken; Tugenden und Fehler stecken immer ineinander; auch der Bösewicht ist ein guter Kerl, und der Gerechte sündigt des Tages siebenmal.