Mich verfolgt seit früher Jugend ein logisches Problem, »die letzten Fragen alles Wissens«. Das sitzt mir wie ein Stein im Kopf. Wenn im Laufe meiner vergangenen Jahre die Not herantrat, konnte ich es auf ein paar Jahre verlieren; aber nach hergestellter Ordnung der Dinge kam es immer wieder, und immer verstärkter und klarer, so daß mir erst in den letzten Jahren die Überzeugung gewachsen ist, es sei meine Lebensaufgabe, sowohl innerer Seelenfriede wie die sittliche Pflicht fordern Hingabe und Arbeit für dasselbe. Daher kommt es auch, daß ich immer danach strebe, einen Associé zu finden, der mir helfen soll, die ökonomische Bürde zu tragen. Daher meine Unfähigkeit, das Detailgeschäft hier ohne Hilfe zu betreiben. Mein Sinnen geht überall dahin, den Kopf leer zu halten, damit ich dem Problem nachhängen kann. Seit den letzten Jahren bin ich gar übel daran, es steht mit mir auf und geht mit mir schlafen, und die leiblichen Sorgen gestatten mir doch keine Ruhe, um viel daran zu tun.
23. November 1880.
Du hast sicher noch zuviel des verkehrten europäischen Spleens im Kopf. Eugen! Eugen! sei klug! Ich helfe gern, doch hilf Du auch. Verschiedenen Arbeiten einen verschiedenen Rang beilegen und nicht das für das Höchste halten, was just der Zweck erfordert – ohne weitere Rücksicht –, das ist ein heilloser europäischer Spleen, der noch von der alten Gewohnheit herrührt, das Volk in Herren und Knechte einzuteilen. Ich merke, Du bist unwillig und räsonierst in Dir über Dinge, die doch gar natürlich sind und nicht anders sein können. Daß K. seinen Sohn protegiert und ihm mehr glaubt wie Dir, auch dessen Fehler leichter übersieht wie die Deinigen, ist gar zu natürlich. Du läßt Dich zuviel von Deinen Sympathien und Antipathien mitnehmen. Dem muß man widerstehen. Wenn K.s Sohn auch mürrisch und launisch ist, laß ihn sein; es ist nicht Deine Aufgabe, ihn zu ändern, sondern zu ertragen und das möglichst Beste daraus zu machen.
Du scheinst auch überempfindlich zu sein. Denke doch, daß die Leute uns nichts schuldig sind und es immerhin für den Anfang angenehmer für Dich ist, unter Bekannten als unter Wildfremden zu sein. Ist K. einsilbig und verschlossen, nun, das ist eben seine Weise; die legt er ja nicht an, Dich zu verletzen, und kannst nicht verlangen, daß er sie um Deinetwillen ablegt. Ich weiß, die Amerikaner sind übermäßig von sich eingenommen und sehen auf Europa und speziell auf die Deutschen übermütig herab. Das kränkt anfangs, aber Du mußt überwinden und das Heilmittel in Dir, nicht an anderen suchen. Stolz und selbstbewußt, das ist recht und dabei doch zart sein. Dir selber nichts vergeben und anderen alles.
Das kleine mobile Vermögen, das ich noch besitze, sind Blutstropfen, die wohl müssen zu Rat gehalten werden. Wenn Du von K. aufbrichst, darf es nicht im Trotz geschehen; nicht Dich überwerfen mit K., kein unartiges Wort: suaviter in modo, fortiter in re! Wenn Du so handelst, bin ich bei Dir bis zum letzten Cent. Aber nur nicht rappelig! Versuch es noch ernstlicher mit dem jungen K. als bisher. Nimm Dir vor, durch ein hartes Wort Dich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Ist er unartig, die Unartigkeit fällt auf ihn zurück – sei Du deshalb doppelt artiger. Zeige Dich immer unabhängig, dabei nie beleidigt; Du mußt Deinen Stolz demütigen um der Sache willen, und ihn doch behalten und ihn gebrauchen, wenn Du die Macht hast; aber nie etwas wollen, was man nicht kann. Das Recht ist nur ein Begriff, aber das Faktum die Wahrheit – also immer nach dem Faktischen handeln, nie nach Gefühlen und Reizbarkeiten. Sprich Dich mit K. aus. Sage ihm alles, was Du auf dem Herzen hast, mit Abwälzung alles Kleinlichen. Strebe unabhängig und selbständig nach Deinem Zweck, welcher vorerst nur dahin geht, eine Stellung zu haben, worin Du 6 oder 8 Dollar wöchentlich verdienst; kannst Du das nicht beim jetzigen Prinzipal, bei K. erreichen, dann gebe Dir wohl den Anschein der Geduld, aber strebe ungeduldig danach, anderweitig Dein Heil zu versuchen, und benachrichtige mich zur rechten Zeit, daß ich Dir Geld schicke.
5. Februar 1881.
Bemühe Dich nur, Deinen Prinzipalen gegenüber und bei Deinen Mitgehilfen alle etwaigen Antipathien zu überwinden. Lasse Dir angelegen sein, nicht nur durch Leistungen, sondern auch durch artige Worte Dich festzusetzen in Deiner Stellung. Wenn letzteres zu guten Leistungen hinzukommt, ist es ungemein wirksam. Wenn Du nach höherem Lohn strebst, so tue das nur, insofern alle anderen Verhältnisse zusagen, mit der größten Delikatesse. Wenn Du die deutsche Demut mit der amerikanischen Independenz in geschickter Weise zu verbinden weißt, das macht den Kapitalkerl!
Ein ordentliches Salär ist eine schöne Sache, jedoch rate ich, lasse Dir noch mehr angelegen sein, in das Geschäft, das Du da gefunden, nun auch richtig hineinzukommen: vom Verkäufer im Innern auch zum Verkäufer nach außen zu gelangen, Waren, Kundschaft und Buchführung kennen zu lernen. Aber Eile mit Weile!
30. März 1881.
… Mit dem Gedanken, daß der erste Verkäufer nicht mehr versteht und tut wie Du und doch ein vierfaches Salär erhält, darfst Du Dir Deine Stellung nicht verleiden lassen. Wie mancher Sekondeleutnant ist ein ebenso tüchtiger und noch viel kapablerer Militär wie der General, und muß doch seine Zeit abwarten. Wenn auch noch etwas Geld draufgeht, laß Dich nicht kümmern, der sichere Gang ist der vorzüglichere. Du solltest der Prinzipalität in Bescheidenheit die Vorstellung machen, daß Du Dir gerne gerade bei ihr eine Zukunft erarbeiten möchtest, daß sie Dir aber wenigstens genug zahlen möchte für Dein notdürftiges Auskommen, denn es sei Dir peinlich, jetzt noch um Geld nach Hause zu schreiben, und Deine Kasse sei zur Neige. Wenn Du es dann bis zu 15 Dollar wöchentlich gebracht hast und findest die Vorrückung zu langsam, so wirst Du leichter bei irgendeinem Konkurrenten der Firma ankommen. Das längere Fungieren aber scheint mir erste Bedingung. Bist Du einmal außer Stellung, so ist es zehnfach schwerer ankommen.