25. April 1881.
… Das Schwerste ist jetzt überwunden. Nach drei Monaten trägst Du nochmals auf Gehaltserhöhung an, und schon nach zwei, wenn Du fühlst, daß Du an Fähigkeiten und Leistungen Fortschritte machst, würde ich die Prinzipale in bescheidenster Weise bitten, Dein ernstes Streben mit ein paar Dollars wöchentlich zu encouragieren. Aber es so machen wie diesmal, mußt Du künftig vermeiden. Ich merke schon, Du hast von mir geerbt; mir wird es auch schwer, den Stolz zu beugen und mit guten Worten und Bitten das zu erbetteln, was ich für mein Recht halte. Aber der richtige, der erfolgreiche Weg ist es nicht, wenn man – so wie Du getan – und ich habe es auch schon mehr so gemacht – dem guten Freunde die Pistole auf die Brust setzt. Nimm Dir ernstlich vor, solche delikate Fragen nächstens weniger ernst und dringlich, sondern mit lächelnder Lippe und jüdischer Zähigkeit zum Austrag zu bringen.
15. Juli 1881.
Strebe möglichst mit Behaglichkeit. Ein beruhigtes, wenn auch frugales Unterkommen, welches Interesse für alles Schöne, Wahre und Gute übrig läßt, ist jeder auch noch so fruchtbaren Jagd nach Geld und Gut vorzuziehen. Ich hoffe wohl und freue mich, wenn das amerikanische Klima Dich so weit ansteckt, daß Du erwerbslustig und -fähig wirst, weil das Erwerben das Sine qua non von allem ist; aber ich hoffe, daß Du Dein besseres Sein darin nicht aufgehen läßt.
3. August 1881.
Du mußt vor allem streben, Dich und Deine subjektiven Anschauungen beherrschen zu lernen und Deiner Zukunft oder Vernunft – wie man es nennen will – die momentanen Gefühle zu opfern. Die Klugheit erfordert durchaus, sich der Kunst zu bemeistern, allen Persönlichkeiten, auf deren Umgang Du angewiesen bist, liebenswürdig zu erscheinen, ohne deshalb auf den eigenen Charakter und die eigenen Rechte zu verzichten. Dabei halte immer fest, daß ein Recht, wozu die Macht fehlt, Dich in Besitz zu setzen, nur ein ideales Recht ist, dem die »Wirklichkeit« fehlt, das man also nicht hat oder doch nur im Kopfe hat, aber erst durch zweckmäßige Handlung verwirklichen kann.
Deine Gedanken hängen wohl immer noch mehr und lieber an der Vergangenheit wie an der Zukunft? Das kommt aber daher, daß Du in der Heimat ganz und gar ein nur ideales Leben geführt hast. Du hast die Menschen und Verhältnisse hier nur von der schönen, gemütlichen Seite gesehen.
Ich würde bedauern, wenn es anders wäre, aber auch wenn Du den Revers zu spät sähest. Was in Amerika so offen zutage liegt: der abgöttische Tanz um das eigene Ich, das ist hier noch mehr verbrämt mit Sitten und Phrasen, mit Überbleibseln der Vergangenheit. Aber unter der Maske der Verwandtschaft, Freundschaft, der Lieb und Treu kommt doch auch hier immer nackter und nackter das wahre Gesicht des Eigennutzes zum Vorschein. Die Bande der Familie, der Freundschaft und Liebe werden täglich mehr zu losen Bändchen, zu Flitter an der Frage nach »barer Zahlung«. Ich bin kein Pessimist. Die bösen Erfahrungen, die ich mit Geschwistern, Verwandten und Freunden gemacht, haben mir nie die Liebe rauben können, – aber nur darum nicht, weil ich weiß, daß es so kommen muß, daß die einzelnen Menschen keine Schuld tragen, sondern nur die bösen Verhältnisse, daß nur die kapitalistische Produktion das Gift bringt. Darum ist denn auch mein Haß nicht gegen die Eigennützigen gerichtet, sondern gegen den Eigennutz; darum erwarte ich keine Besserung von der Moralpredigt, sondern von der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse. Der handgreifliche, fortwährende Aufschwung der Produktion erlöst die Menschen von der Armut, von der Erbsünde und vom Teufel.
17. September 1881.
… Was Dich für das Geschäft (in dem Du jetzt arbeitest: Instrumente für Ingenieure und Architekten) schätzenswert macht, sind besonders – denke ich – die guten Vorkenntnisse, welche Dich befähigen, leichter mit den mathematischen Instrumenten Dich bekannt zu machen; und ohne eingehende Bekanntschaft mit dem Gebrauch und Zweck der Dinge kann man unmöglich ein guter Verkäufer werden. Ich erinnere mich aus meinem früheren Geschäft in Winterscheid, daß die Reisenden kamen und Kaffee verkauften. Wenn ich dann fragte, wo der Kaffee herkommt, dann wußten sie nur, daß er in Amsterdam gekauft war und Cheribon, Java und Menado genannt wurde; aber wie die Holländer dazu gekommen, ob er privatim aufgekauft wurde an den Produktionsplätzen, oder ob es eine Aktiengesellschaft sei, welche die Auktionen in Holland veranstaltete, oder ob die Sache Regierungsangelegenheit, davon wußten die Pomadenhengste nie etwas. Und ich habe mich damals schon sehr über solche Unwissenheit mokiert, da sich die Leute doch gerade diese und keine andere Sache zum Geschäft machten. Möchte Dir deshalb anraten, Dich eingehend nach dem Gebrauch, nach Herkommen, Geschichte und allem, was Du über Deine Geschäftsartikel erfahren kannst, angelegentlichst zu erkundigen. Nur wenn man etwas weiß, kann man auch etwas sprechen, das nicht fade und trivial ist …