»Sagen Se mal, Frau Nachbarin, wenn ist denn Ihr Mann nach Hause gekommen, meiner kam glücklich um Dreie!«
»Na — meiner erst — ’s war ooch um die Zeit — na — un gekooft hatt’r sich Een!«
»Ich hab’ mein’n aber ticht’g de Wahrheet gesagt!«
»Wissen Se — das kann ich bei meinem Mann nich, denn wenn er de Uniform anhat — da hat er seine militair’sche Laune — aber er kriegt sein Fett noch — warten Se nur!« — — —
Das war die wahrheitsgetreue Schilderung eines Sommernachmittags, an dem es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«
Längst ist diese Institution schlafen gegangen, aber wenn dieselbe auch keinerlei politischen Werth mehr hatte, so brachte sie es doch mit sich, daß sich die verschiedenen Kreise der Bürgerschaft näher traten, als dies jetzt möglich ist. Mancher Freundschaftsbund ward durch sie geknüpft, der noch bis zum heutigen Tage in alter Treue fest besteht, und darum ist sie es wohl werth, nicht ohne Weiteres als etwas längst Abgethanes, Veraltetes und Lächerliches vergessen zu werden.
Druck von Fr. Bartholomäus, Erfurt.
VI.
Der »hohe Seeler!«
Menschen, welche vermöge der angeborenen oder angewöhnten Originalität ihres Aeußeren, oder ihres Lebens oder Charakters eine besondere Beachtung finden, können nur in kleineren und allenfalls in Mittelstädten gedeihen. Im Getriebe der Großstadt treten sie um so weniger hervor, als in dem großstädtischen Hasten und Jagen nach Erwerb und des Lebens sonstigen, oft nur eingebildeten Gütern, der Einzelne nur wenig hervortritt oder seine Originalität nur einem kleinen Kreise bekannt wird. Diese — sogenannten — Originale theilen sich entweder in solche, welche ihren Wirkungskreis in das öffentliche Leben und Volkstreiben verlegen und andererseits wieder in solche, welche sich vom Verkehr mit der übrigen Welt möglichst abschließen, und wenn Erstere eben durch ihren Verkehr mit dem übrigen Publicum schnell bekannt werden, so geschieht dies in der Regel erst recht, wenn sich ein Mensch inmitten des bürgerlichen Lebens von der übrigen Welt aus irgend einem Grunde abzusondern versucht. Die liebe Neugierde, welche oft selbst da Geheimnißvolles sucht, wo ganz und gar nichts zu verbergen ist und die Verhältnisse offen vor Jedermanns Auge liegen, entwickelt in solchen Fällen eine kaum glaubliche Phantasie, und vermag man absolut nichts in den pecuniären Verhältnissen des sich Abschließenden zu entdecken, so kommt man schließlich auf allerlei Vermuthungen, von denen meist eine immer toller ist als die andere, keine aber toll genug, als daß sie nicht Glauben und ihre Nachbeter und Vergrößerer fände. Genau so liegt die Sache auch bezüglich derjenigen Originale, welche im öffentlichen Leben verkehren, und dasselbe geradezu aufsuchen, wenn die sonstigen Verhältnisse derselben nicht näher bekannt sind. Ein wahrer Sagenkreis spinnt sich bald um die betreffenden Personen und es ist kein Wunder, wenn sich dieselben zuletzt auf ihre Originalität selbst Allerlei einbilden und eine Beachtung finden, die sie im Grunde eigentlich in keiner Weise verdienen.