Auch in unserem Leipzig hat es, als sich seine Einwohnerzahl noch in den bescheidenen Grenzen des dritten Viertels vom ersten Hunderttausend bewegte, also vor 30—40 Jahren, niemals an Originalen gemangelt, und dieselben waren bei dem damals noch geringen Stadtumfang Jedermann wohl bekannt.

Eines derselben führte im Volksmunde den — mindestens seltsamen — Namen: »Der hohe Seeler!«, und trotz des eigenthümlichen Beiwortes war er von den damaligen bekannten Stadtoriginalen nicht blos das älteste, sondern auch ein sehr ehrenwerther Mann.

Ein gewissermaßen romantischer Winkel des alten damaligen Leipzigs war die kleine Burggasse, damals eine Sackgasse, welche westwärts nur einen Ausgang durch die schmale kaum mannshohe Hausflur einer an der Pleiße liegenden Fischerhütte hatte. Vorn, quervor — kaum zehn Schritte von der Zeitzer Straße — dem jetzigen Peterssteinweg — bis zwei Drittel in die Gasse hineinragend, stand angelehnt an das alte Bezirksgericht, nur links eine schmale Passage nach dem hintern Theil der Gasse lassend, das kleine Töpferhaus mit seinem Wahrzeichen über der Thür; hinter ihm war rechts die Mauer des Bezirksgerichts. Kaum zwanzig Schritte weiter, auf der linken Seite, nur rechts eine kleine Passage lassend, stand ein anderes kleines Haus, in welchem Dirnen zur Miethe wohnten. Hinter diesem Hause aber erhob sich — ein Wahrzeichen des damaligen Leipzig — thurmhoch und langgestreckt das »hohe Seilerhaus«, angestaunt, nicht blos von den Leipzigern, sondern auch, besonders zur Meßzeit, von vielen Fremden ob seiner gigantischen Höhe. Bis zum siebenten Stockwerke war es bewohnt, dann kamen einige Etagen Böden und zuletzt das langgestreckte, von einem Gitter umgebene flache Dach, auf welchem der Besitzer des Hauses, Seilermeister X. in alleiniger Gesellschaft eines das Rad drehenden Jungen und der das Haus umschwärmenden Vögel seine Spinnbahn aufgerichtet hatte. Oft, wenn stürmische Winde das Haus umsausten, so daß die Dachsparren knarrten und die Dachbalken seufzten, mag es wohl dem Jungen unheimlich auf der luftigen Höhe geworden sein, aber der Meister schien unempfindlich gegen das Walten der Elemente, ruhig und sicher setzte er seinen Rückschritt fort, selten kam ein Wort über seine Lippen, wohl aber blieb er manchmal wie träumend stehen und warf einen Blick auf das prächtige Rundgemälde, welches ihm die Natur hier oben auf der Höhe seines Hauses bot. — Das war im Sommer und allenfalls an schönen Frühjahrs- und Herbsttagen; im Winter und bei rauhem Wetter, das letzte Jahrzehnt seines Lebens aber, als ihm wohl seine allmälig abnehmenden Kräfte das Ersteigen der vielen Treppen nicht mehr gestatteten, das ganze Jahr über, hielt er sich in seinem Verkaufsgewölbe in der damaligen Zeitzer Straße auf und hier war es wo seine Originalität im Verkehr mit dem Publicum immer mehr bekannt wurde, ihm aber auch zugleich zu dem von uns bereits erwähnten Beiwort verhalf.

Johann Gottfried X. war im Jahre 1790 in Liebertwolkwitz geboren; nachdem er das Seilerhandwerk erlernt hatte, sowie kurze Zeit auf der Wanderschaft gewesen war, zog er kurz nach der Völkerschlacht nach Leipzig, wo er im Jahre 1818 das Bürgerrecht erwarb und sich als Seilermeister niederließ. Schon nach einigen Jahren erkaufte er das damals Zeitzer Straße Nr. 4, jetzt Peterssteinweg Nr. 5 gelegene, freilich damals viel niedrigere, unscheinbare Haus, das sich jetzt — 1866 umgebaut — um vieles freundlicher präsentirt. Im Parterre des schmalen Häuschens, neben dem Hauseingang, befand sich der noch nach alterthümlicher Weise mit schmaler Bogenthür und vergittertem Fenster versehene Laden, dessen eisenbeschlagene Thür und Fensterladen zur Nachtzeit inwendig an Vorlegebalken angeschraubt wurden. Hinter dem selbst zur Tageszeit stets halbfinstern Laden befand sich ein Raum, der eigentlich eine Ladenstube sein sollte, der aber damals dem Meister zur Aufbewahrung von Oel, Fett, Hanf, Roßhaaren, Stricken und Seilen etc. diente. Der Laden machte schon an und für sich keinen freundlichen Eindruck, obwohl man damals durch keinerlei Eleganz verwöhnt war. Hatte doch damals selbst Gustav Steckner’s schon zu jener Zeit bedeutendes Modenwaarengeschäft nur zwei winzige Auslegefenster und unter seinen Geschäftsräumen sogar die meist von den ärmeren Volksklassen frequentirte Schank- und Speisewirthschaft der Mutter Jummel, deren Düfte den die Auslagen bewundernden Damen in die Näschen stiegen. Aber der an nur etwas Sauberkeit gewöhnte Besucher oder Käufer fuhr denn doch ein Wenig zurück, wenn er unvorbereitet den Seilerladen betrat. Thüren und Fenster, Ladentisch und Regale, Wände und Dielen, ja selbst länger liegende Waaren waren von einer förmlichen Schmutzkruste überzogen. Gewaltige, dicke Netze von Spinnweben hingen in den Ecken und an den aufgestapelten Pech- und Oelfässern, so daß man sofort merkte, daß hier gewiß seit Jahren keine reinigende Hand thätig gewesen war. Das Glanzstück des Ganzen aber, wenn man hier anders vom Glanze des Thrans, Oels und Talgs reden darf, war der Besitzer dieses zierlichen Ladens in eigner Person. Eingehüllt in einen uralten, defecten Schlafrock oder Ueberrock, im Winter auch in einen alten Schafpelz, welcher die hagere Gestalt vom Hals bis zu den Füßen einschloß, auf dem Kopfe eine alte Schirmmütze, Alles aber überzogen mit einer dicken Kruste von Schmutz, kein Zeichen von Wäsche verrathend, hauste hier einsam und allein Jahre lang, bis in sein hohes Alter der Besitzer all dieser Herrlichkeiten.

Und doch war Meister X. nicht blos ein vermögender, sondern, wenigstens nach damaligen Begriffen, sogar ein reicher Mann zu nennen. Was machte ihn zum Sonderling? War es Menschenfeindlichkeit oder Geiz, der ihn verursachte diesen öden, trostlosen Aufenthaltsort lieb zu gewinnen? — Keines von Beiden! — Denn in des Alten Brust schlug trotz seiner Einsilbigkeit und Absonderung von den Menschen ein warmes mitfühlendes Herz, das wußten die Armen Leipzigs am besten, von denen Keiner unbeschenkt den Laden verließ. Am meisten aber kam sein Wohlthätikeitsgefühl zum Ausbruch, wenn die Weihnachtszeit herannahte, und in den letzten Tagen vor dem Feste war ein Gedränge von Jung und Alt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend vor dem Laden, denn es war männiglich bekannt, daß »der hohe Seeler« keinen Käufer ohne Weihnachtsgeschenk entließ, war auch das Kaufsobject noch so gering und der Kaufende nur ein sogenannter Weihnachtskunde, der sich sonst das ganze Jahr über nicht wieder sehen ließ. Daß natürlich diese Freigebigkeit speculativ ausgenutzt wurde, ist selbstredend, und zwar am meisten von der lieben Jugend, die auf solche Weise kleine Weihnachtsgeschenke für Geschwister und Eltern billig erwarb; ja die Kinder einzelner Familien behandelten die Gelegenheit theilweise geschäftsmäßig, indem immer eines abwechselnd wieder zu dem Alten ging, bis die wenigen Sparpfennige alle waren.

»Meester mir eene Schachtel Streichhölzer vor zwee Pfenn’ge!«

Der Käufer erhielt seine Streichhölzer und ein warmes Halstüchelchen im Werthe von fünfzig Pfennigen zu.

»Mir vor e Dreier Brennöl!«

Ein rothgemustertes baumwollenes Taschentuch erfolgte als Zugabe.

Eine arme Frau mit einem blassen Kind auf dem Arme legte einen Vierpfenniger auf den Tisch und ließ suchend ihre Augen umherschweifen, als wüßte sie nicht, was sie für dieses Geld, ihr einziges, nehmen sollte.