Der Knabe war nun Lehrling und diente von der Pike an, doch war die jeweilige Zeit seiner verschiedenen Verwendung im Laufe der Lehrzeit genau contractlich formulirt und festgesetzt.
Die Lehrzeit betrug in der Regel vier Jahre, das Lehrgeld, welches an den Principal, jedoch nur dann gezahlt wurde, wenn der Lehrling bei ihm Kost und Logis genoß, schwankte, je nach der Größe des Geschäftes, zwischen 300 und 900 Mark, außerdem mußte er noch ein vollständiges Gebett guter Betten mitbringen, welches er während seiner Lehrzeit benutzte, das aber nach Beendigung derselben Eigenthum des Lehrherrn verblieb. Im ersten Jahre mußte der junge Handlungsbeflissne so ziemlich alle Arbeiten machen, welche in der niederen Region, in der er sich befand, vorkamen. War er Materialist, so mußte er bei der täglichen Oeffnung und Reinigung des Ladens helfen, erlernte die Geheimnisse des Zuckerschlagens und richtigen Schwenkens des Kaffeesiebes, er mußte Düten kleben und Kaffee, Rosinen und Mandeln lesen und sah mit Neid auf den Aeltesten (Lehrling), der verzweifelt einige unter seinen Ohren sprossende Haare zu einem Anfluge von Backenbart pflegte und beim Erscheinen feinerer Kundschaft blitzschnell aus dem Contor hervorschoß, um dieselbe mit einem Schwall süßer Reden zu bedienen, wobei er den Kleinen stetig kommandirte oder bei Seite schob. In Manufacturwaaren erlernte er die Aus- und Umpackung der Waaren, die Auszeichnung derselben und das Geheimniß mit der Scheere fadenrecht zu schneiden, die Waarenstöße in schnurgerader Linie aufzuführen und drang in die Anfangsgründe der Wissenschaft der Appretur und des Unterschiedes zwischen Seide, Wolle, Baumwolle und Leinen, sowie der Mysterien vom Gebrauche des Fadenzählers. Dabei gab es Facturen kunstgerecht in die richtige Fächerbreite zu falzen, Briefe zu copiren, Wege zu laufen, das Portobuch und die Portocasse richtig zu führen, allmälig in die Geheimnisse der Farben-Nüancen und das richtige Zusammenpassen derselben einzudringen — und so ging es von Morgens früh bis Abends spät, immer arbeiten, immer Neues zu erlernen, Sonntags und Wochentags, und die Zeit flog dabei schnell vorüber.
Im zweiten Jahre lernte der Materialist selbstständig verkaufen, er begann barfüßige Jungen, die er noch im ersten Jahre voll Hochachtung nach ihren Wünschen fragte, ziemlich von oben herab zu behandeln und ließ sich, wenn dieselben für »n’en Dreier Pfeffer« holten, nicht mehr preußische Dreier für vollwerthig aufhängen; er lernte mit Grazie mit der einen Hand einen Hering und mit der anderen eine sauere Gurke aus den Fässern nehmen, handhabte gewandt den Oeltrichter und verstand der Waage das richtige »Schnippchen« zu geben. Der Manufacturist wurde zur Bedienung bescheiden auftretender Bauersleute oder baumwollene Cravatten kaufender Dienstmädchen zugelassen, er lernte Tuche nach dem Faden reißen, machte die Anfangsgründe der Decoration der Schaufenster durch, überwand jetzt spielend die complicirten Verhältnisse der »Wiener, Brabanter, Berliner und Leipziger Elle, der Yards und der Meter« zueinander, knüpfte allmälig sein halbseidenes Halstuch immer zierlicher um die bescheidenen Vatermörder und spielte kleinen Mädchen gegenüber, die für die Mutter (Mamas gab es damals noch wenig) anderthalb Elle Franzleinwand zur Taillenfütterung holten, den angehenden Schwerenöther.
Im dritten Jahre siedelte der Materialist »aufs Lager« über, erlernte die riesigen Zuckerfässer nachwiegen, den verschiedenen Inhalt der Nudelkisten von außen erkennen, drang tief in die Geheimnisse der Behandlung des »Schweizerkäses« mit Rum ein, zankte sich mit den zahlreichen Frachtfuhrleuten und stellte denselben ihre Frachtbriefe aus, wußte verblaßten Rosinen und Corinthen neuen Glanz aufzuwichsen, röstete den Kaffee in schulgerechter Weise und wußte genau »blauen Menado« von »Perl-Kaffee« zu unterscheiden. Er führte das Lagerbuch, und die während seiner Anwesenheit im Geschäfte nie sein Ohr verlassende Feder gab ihm eine gewisse Würde.
Der Manufacturist hatte die Geheimnisse der Gewebe- und Farbenverschiedenheiten jetzt vollständig überwunden, er verstand, etwas mundfaulen Kunden ihre Wünsche so ziemlich vom Gesicht abzulesen, lernte ein der Kundschaft gefallendes Muster, wenn das Stück nicht mehr genug Inhalt besaß, um den voraussichtlichen Bedarf der Kundin zu decken, rechtzeitig unter der Ladentafel verschwinden zu lassen und der Käuferin oft das Gegentheil des Gewünschten aufzuschwatzen, er entwickelte große Kühnheit und Entschiedenheit in seinen Behauptungen über das, was der Kundin »stehen« und »kleiden« müsse und wußte bescheidene Widersprüche durch ein fast mitleidiges Lächeln auf das Siegreichste zu überwinden.
Im vierten Jahre empfing der junge Kaufmann, entweder von der Hand des Chefs selbst oder dessen erstem Vertreter, die Schlußpolitur, indem er »ins Contor« versetzt wurde.
Da jeder Principal genau wußte, daß damals bei jedem Stellenwechsel eines jungen Mannes stets die erste Frage war: »Wo haben Sie gelernt?« und somit sein Renommee als Kaufmann und als Lehrherr im Besonderen auf dem Spiele stand, so war es Ehrensache für ihn, den jungen Mann gut auszubilden. War er doch nach dem Lehrvertrag verpflichtet, dem »Ausgelernten« eine Stelle als Commis zu beschaffen oder ihn selbst mindestens ein Jahr als solchen mit einer bestimmten Summe zu salairiren.
Der »Dreijährige« oder »Große« lernte nun von der simplen Strazze bis zum Hauptbuch, vom Geschäftsunkostenconto bis zum Bilanzconto die Buchführung gründlich kennen, er drang in die Geheimnisse der Correspondenz, indem er nach Feierabend zahllose stilgerechte Briefe an nur in seiner Phantasie existirende Firmen richtete, in denen er alle nur denkbaren Vorkommnisse von der einfachen Bestellung eines Fasses Schmierseife bis zur Uebersendung complicirter Contoauszüge und der Anzeige discontirter Kundenwechsel mit »Damno«, Zinsenberechnung etc. etc. zur Ausführung brachte, welche Briefe dann sein Chef gewissenhaft prüfte und gemachte Fehler rügte. Der »Dreijährige« Manufakturist verstand jetzt kunstvoll Chales und Saloppen in den vollendetsten Falbenwurf zu bringen, nahm eine Gönnermiene gegen jüngere Markthelfer und Burschen an, verwendete stets von seinen acht guten Groschen Wochentaschengeld 25 Pfennige, um sich Sonntags die Haare kräuseln zu lassen und machte an denselben Tagen weite Spaziergänge in möglichst menschenleere Gegenden, um eine Dreipfennigcigarre aus Propsthaidaer Deckblatt und Stötteritzer Einlage zu maltraitiren, was diese ihm mit rührender Gewissenhaftigkeit wieder vergalt. Er bewegte sich, den ob seiner Weisheit staunenden »neuen« Lehrlingen gegenüber, mit Vorliebe in kaufmännischen Kunstausdrücken, warf mit »Sconto«, »Bilanzen«, »Credit und Debet« um sich und ärgerte sich über sein Rothwerden, wenn ihn eine hübsche Kundin schelmisch anlachte. Die Hauptsache aber war und blieb Lernen, ernstes, eifriges Lernen und — so war es in allen Branchen.
Hatte sich nun aber der Lehrling tadellos gehalten und war der Lehrherr nicht besonders skeptischer Natur, so rief er wohl schon zur Weihnachtsfeier vor Ostern des vierten Jahres den Lehrling ins Contor und theilte dem Hocherfreuten mit, daß er ihm in Anbetracht seiner guten Führung den Rest der Lehrzeit erlasse und von heute ab als Commis betrachte und als solchen salairire.
Das Personal, welches aber in der Regel bereits Wind von dem Vorhaben des Chefs bekommen hatte, trat nach Geschäftsschluß in corpore vor den frischgebackenen Commis und überreichte ihm als Zeichen der Anerkennung seiner neuen Würde und treuer Collegialität Cylinderhut und Spazierstock, sowie eine blumengeschmückte Cigarrenspitze mit darin steckender Cigarre. Diese neue Attribute eines »Commis« mußte der Ueberraschte nun zur allgemeinen Freude sofort anlegen und die Cigarre anstecken, worauf obligates Gratuliren und Händeschütteln und schließlich ein kleines Zechgelage folgte, bei dem der »neue Commis« oft einen kleinen Haarbeutel davon trug.