Die Ueberreichung der Attribute eines Commis!
Zu Ostern aber saß der junge Commis wieder in der feierlichen Versammlung im »Kramerhause« (in Leipzig, Ecke des Neumarktes und Kupfergäßchens), aber die alten Herren da oben schienen ihm diesmal um Vieles freundlicher auf ihn herabzublicken; gewandt beantwortete er die prüfenden Fragen des amtsführenden Kramermeisters, dann erfolgte seine und der übrigen Genossen feierliche Lossprechung, die Ueberreichung seines Lehrbriefes, und erhobenen Herzens stimmte der junge Gehilfe in das gemeinschaftliche Gebet ein, welches die ernste und würdige Feierlichkeit schloß.
Der junge Mann trat nun hinaus in das Getriebe des kaufmännischen Lebens, aber nicht hin- und hertastend und schwankend, sondern festen Fußes, denn er wußte, daß er etwas Ordentliches gelernt hatte und zwar praktisch gelernt, was sich um Vieles fester einprägt als das theoretisch Erlernte. Er war weder an einen bestimmten Theil des Geschäftsbetriebes, noch unbedingt an eine Branche gebunden, und all’ dieses verlieh ihm eine Sicherheit, die seinem weiteren Fortkommen große Vortheile brachte.
Längst sind jene Zeiten mit ihren ehrwürdigen Gebräuchen in das Meer der Ewigkeit versunken. In den Räumen des alten Kramerhauses haben sich Miethbewohner eingerichtet. Gleichgültig geht jetzt der kaum der Schule entwachsene Kaufmannslehrling mit qualmender Cigarette an jener Pforte vorüber, welche vor 40 Jahren sein Standes- und Altersgenosse nur zagend und schon auf der Straße den Hut ziehend, überschritt.
Die Bilder der alten Herren Kramermeister sind aus jenen Räumen verschwunden und fristen unter allerlei Gerümpel in irgend einer abgelegenen Bodenkammer ihr fragwürdiges Dasein. Ohne Achtung vor ihren strengen Mienen, ihren steifen Gesichtern und ihren vollen, weißen Perrücken spielen die Mäuse auf ihren Rahmen und nagen an ihnen herum, bis sie zerfallen und vermodern, wie schon längst ihre eigenen Körper zerfallen und vermodert sind.
Alles ist anders geworden. Ob auch besser? Wir glaubens nicht!
VIII.
Verschiedene Chronika’s von 1840—45!
Eröffng. d. M.-L. Bahn.
Am 18. August 1840 wurde die Magdeburg-Leipziger Eisenbahn dem Verkehr übergeben, der Bau derselben hatte etwa zwei Jahre gedauert. Vormittags ½12 Uhr kamen die ersten drei Züge hier in Leipzig an, der erste, eine Maschine und fünf Wagen mit dem Directorium und obersten Bauleitern, der zweite Zug mit zwei Locomotiven und dreißig Wagen mit den Deputationen der Städte Magdeburg, Halle, Cöthen, Bernburg und Schkeuditz, der dritte Zug hatte eine Locomotive und elf Wagen mit Publicum. Die Maschinen und Wagen waren alle mit Fahnen und Guirlanden geschmückt. Mittags fand großes Tractement im (alten) Gewandhaus-Saale mit Tafelmusik und vielen Festreden statt. Nachmittags halb ein Uhr ging der ganze Zug wieder ab. Sowohl bei Ankunft wie bei der Abfahrt wurden im Schloßhofe Kanonen gelöst.