»Acht Thaler! Keinen Pfennig weniger!«

Itzig Ephraim streckte alle zehn Finger in die Luft und erklärte sich für das nichtswürdigste Scheusal auf Gottes Erdboden, für einen Rabenvater, der seinen hungernden Kindern das Brod vom Munde wegstehle, wenn er auch nur einen Pfennig mehr als sechs Thaler geben könne — aber »unser Student« winkte nach unten, worauf Itzig Ephraim seinen Arm faßte und — sieben Thaler — bot, ein Gebot, das der siegende Verkäufer endlich, jeder Zoll ein Grande — annahm.

Hierauf zögernde Bezahlung, worauf Itzig auf einmal seine gute Laune wiederfand, woraus der stolze Verkäufer zur Genüge merkte, daß er dennoch der »Gemachte« war. Dies störte aber den großen Geist des »gnädigen Herrn« nicht, huldvoll versprach er dem Juden auch fernerhin seine Kundschaft, und auch meine Hoffnung wurde nicht zu Schanden. Gewissenhaft aber trug ich den funkelnden Groschen hin, um staunend die Geheimnisse des »geschundenen Raubritters« mit anzuschauen, wo das dankbare Publicum auf offener Scene die darstellenden Acteure mit Stöpel’schen Wiener Würstchen fütterte und mit Lagerbier tractirte. Fürwahr, welchem Darsteller würde es jetzt, selbst auf der größten Bühne, so wohl, wie damals jenen ihrer Collegen in der einfachsten Bretterbude am Roßplatz zu Leipzig?

XVII.
Ein Abend bei den Harfenistinnen in Auerbachs Keller zur Messe vor 40 Jahren.

Wer vor 30 oder 40 Jahren zur Sommerszeit eine Geschäfts- oder Vergnügungsreise in das an Naturschönheiten reiche, jetzt immer noch viel zu wenig bekannte und geschätzte sächsische Erzgebirge machte, verließ in Chemnitz die Bahn und ging zu Fuß durch prächtige Wiesengründe, über Berge und durch liebliche Thäler, in denen sich die kleinen, vielfach von wildem Wein umrankten Häuser mit den rothen Ziegeldächern wie solche in den bekannten Spielwaarenschachteln ausnahmen, nach dem hoch gelegenen, damals nur kleinen, aber durch seine Spitzenklöppelei doch schon weitbekannten Annaberg. In der Mitte des etwa zehnstündigen Weges kam er in das schön in einem Thalkessel gelegene Städtlein Thum. Aus fast allen Häusern des alterthümlichen Städtchens klapperte dem ermüdet, aber von seiner Wanderung hochbefriedigten Wanderer, wenn er von der »Katze«, einem auf der Höhe vor Thum liegenden Gasthaus, aus ins Thal hinabstieg, der dreiviertel Tact der Webstühle oder das Seufzen der aufgezogenen Strumpfwirkerstühle entgegen, und im Rathskeller fand er billige und reichliche Atzung und ein sauberes Bett für die Nachtruhe. Am andern Morgen aber verließ er den geraden Pfad nach Annaberg und wandte sich in der Regel am Ende des Marktplatzes nach rechts, um den »Greiffenstein« mit seinen romantischen Höhlen zu besteigen, auf dessen Höhe man einen wahrhaft prachtvollen Umblick bis weit hinein ins schöne erzgebirgische Land genießt. Da liegen Annaberg und Scheibenberg, Schlettau und Ehrenfriedersdorf und Gelenau vor unseren Blicken, und aus der Ferne lugt Schloß Augustusburg, Zschopau und Schellenberg durch die Thalmulde herüber. Und hatte sich damals der Wanderer an all’ diesen, im Sonnenlicht funkelnden Herrlichkeiten satt gesehen, so schlug er sich rechts in den herrlichen Eichen- und Buchenwald, folgte einem ziemlich steil herabführenden schmalen Fußpfad und gelangte, begleitet vom Gesange der Lerchen, dem Triller des Buchfinkens, dem Pfeifen des Dompfaffens und der Amsel, nach einstündigem Marsch in das hochgelegene Städtlein Geyer.

Erstaunt hielt der Wanderer beim Heraustreten aus dem Walde seinen Schritt einige Augenblicke an, denn ein eigenthümliches Gemisch von Tönen drang aus den nahen hüttenähnlichen Holzhäusern des Ortes zu ihm herüber, und erst beim Einmarsch in den Ort entwirrten sich die einzelnen Töne, so daß sie der Fremde zu deuten oder wenigstens zu erkennen vermochte.

Da guckte aus dem geöffneten Parterrefenster eines Häuschens eine Clarinette, während aus dem ersten und einzigen Stockwerk desselben ein angehender Trompetenvirtuos seinem Instrument die schauerlichsten Töne — untermischt mit zahlreichen »Fröschen« — entlockte. Weiterhin klang das harmonische Summen eines vortrefflich gespielten Violoncellos über die Straße, dem eine Flöte und eine erste Geige ebenso vortrefflich accompagnirten. Aus anderen Häusern rauschten Harfen- und Guitarrenklänge und der Contrabaß brummte verdrießlich dazwischen. Wenn aber der Reisende zur Abendzeit im Städtlein eintraf, und ehe er das schmale, hoch von Betten gethürmte Nachtlager bestieg, noch einmal die wenigen Gassen des Städtchens durchschritt, so konnte er gar prächtige Concerte aus den kleinen, dem Felsen abgerungenen Gärten, hören und zwischen den gutgespielten Instrumenten erklangen die Melodien alter Volkslieder von frischen wohlklingenden Mädchenstimmen.

Und wie in Geyer, so war es in dem kleinen Gebirgsnest Elterlein, in Grünhain, Schlettau und Scheibenberg und in all’ den großen Dörfern bis Schwarzenberg, denn hier war die eigentliche Heimath der Harfenisten. Jetzt ausgestorben und durch die um Vieles minderwerthigen Tingeltangel verdrängt, aber nicht ersetzt, bezogen die Harfenisten vor 30 und 40 Jahren und bis weit in das vorige Jahrhundert zurück außer vielen anderen Orten des In- und Auslandes auch regelmäßig in zahlreichen Trupps die Leipziger Messe, und sowohl Fremde wie Einheimische erfreuten sich an ihren Liedern und ihrer Musik. Auch das nahe Böhmen stellte, wie bekannt, und wie noch heute seine Musikanten.

Das eigentliche Hauptinstrument jener, sich meist aus Familienmitgliedern oder doch nahen Verwandten zusammensetzenden Trupps bildete die ehrwürdige, jetzt nur noch in größeren Capellen zu findende Harfe; eine Geige und drei, vier Guitarren vervollständigten die Harmonie einer solchen kleinen Capelle. Die Geige und wohl auch die Flöte spielte in der Regel das einzige männliche Mitglied der reisenden Truppe, und dieses war oft der Vater, meist aber der Bruder, Gatte oder sonstige Verwandte der anderen weiblichen Mitglieder oder eines derselben. Mochten sie aber auch die übrige Zeit weilen, wo sie wollten, ob auf ihren Reisen, die sie bis in weitentfernte Länder brachten, oder zu Hause, wo sie in der Ferienzeit Spitzen klöppelten und daneben neue Musikstücke und Lieder einübten; zur Meßzeit zogen sie alle immer wieder der Handelsstadt an der Pleiße und Elster zu, und eine Messe — ohne Harfenistinnen, das wäre damals von Jedermann eben gar nicht als eine richtige, vollwichtige Messe angesehen worden. An den letzten Tagen vor Beginn der Messen zogen sie in Leipzig ein und rückten in ihre bescheidenen Quartiere in den Hinterhäusern der Vorstädte, wo sie für ein Billiges Unterkommen fanden. Sie theilten sich in sogenannte ansässige und in fliegende Trupps. Die letzteren bestanden in der Regel nur aus zwei, höchstens drei Personen, fast immer zwei Schwestern und einen Bruder dabei. Dieselben zogen fast stets mit Geige und Harfe, nie aber ohne letztere, von Schenke zu Schenke, wo keine »ansässige Capelle« concertirte, stellten sich in eine passende Ecke des Gemaches und spielten ihre zwei bis drei Stücklein, worauf ein Mädchen mit zusammengebogenem Notenblatt bei den Gästen cassiren ging. Dreier der verschiedensten Nationalitäten, formlose Vierpfenniger und preußische Sechser empfing die auch für die kleinste Gabe freundlich dankende Harfenistin; hatte sie aber ihre Runde beendet, so gaben die Zwei oder Drei ein sogenanntes Schlußstück zum Besten und verschwanden, um in unzähligen anderen Localen aufs Neue ihr Glück zu versuchen.

Eine um Vieles günstigere Stellung nahm die »ansässige« Harfenisten-Capelle ein. Sie bestand mindestens aus vier, meist aber aus fünf bis sechs Personen und »spielte« die ganze Messe über in ein und demselben, natürlich nur größerem und stark besuchtem Locale, in welches sie regelmäßig alle Messen wiederkehrte und durch vieljährige Thätigkeit in demselben gar bald heimisch und mit den musikalischen Lieblingswünschen der Gäste vertraut wurde.