Wer nun aber vielleicht glaubt, daß diese, oft dreiviertel des Jahres in der Welt herumziehenden Mädchen unter die Classe der besonders leichtfertigen und unsoliden zu rechnen gewesen seien, der irrt sich gewaltig. Sie waren meist durchaus ehrbare Mädchen, welche zwar einen und zwar selbst etwas derben Spaß verstanden, im Uebrigen aber durchaus die sittlichen Grenzen innezuhalten wußten. Gar mancher Musensohn oder Handlungscommis, welcher nach »Feierabend« (Polizeistunde) auf vieles Bitten die Erlaubniß erhielt, die schöne »Hulda« oder »Anna« — nach Hause zu begleiten, und der entzückt und im Vorgefühl seines Sieges die schwere Harfe durch Dick und Dünn, eine halbe Stunde weit, der zierlich Kleid und Röckchen bei den Straßenübergängen hebenden vorausschreitenden Harfenistin nachtrug, mußte an der bewußten Hausthür, belohnt mit einem neckischen Dank, mit langem Gesicht ohne Kuß abziehen. Wenn er sich dann auch gegen seine ihn beneidenden Genossen aller möglichen Erfolge rühmte, so waren dies doch eben nur Flunkereien; Thatsache war, daß die Harfenistin der früheren Messen bei Weitem besser war als ihr Ruf. In großen Etablissements, wie in Auerbach’s Keller z. B., wo die Harfenistinnen bis 2 Uhr Morgens spielen durften, waren denn auch stets nur besonders gut geschulte Trupps zu finden. Kein Wunder, daß der Zudrang zu diesen Localen auch ein großer war. Sowohl im oberen, eleganteren Keller, den hauptsächlich Familien besuchten, wie im unteren sogenannten Faustkeller, dessen Möblement aus einfachen Holztafeln mit gekreuzten Beinen und ebenso einfachen Stühlen bestand und der fast nur von der Herrenwelt frequentirt wurde, concertirte je eine tüchtige Capelle Harfenistinnen. War nun schon im oberen Keller das Leben ein lebhaftes und das Treiben im hohen Grade animirt, so mußte, wer im Faustkeller Platz nahm, ein gut Theil Humor besitzen, denn das Treiben daselbst war oft sehr fidel und durchaus zwanglos, wenn auch stets anständig. Griesgrämige Gesichter konnte man hier nicht brauchen, entweder hellten sich dieselben schnell auf oder ihr verstockter Besitzer verschwand ebenso schnell wieder, wie er gekommen.
Ein allgemeines »Hut ab!« begrüßte den biedern Meßbesucher, wenn er, angezogen von dem aus dem Faustkeller emportönenden Jubel, die steile Treppe zögernd betrat. Verdutzt schaute der neue Ankömmling auf die unter ihm sitzende dichtgedrängte Masse ihm entgegenwinkender, jubelnder, feuchtfröhlicher Zecher, denen das im Hintergrund des Kellers stehende, mächtige, fast 4 Ellen hohe Faustfaß ein würdiges Relief gab.
Unwillkürlich zog er den Hut.
»Runterkommen!« tönte das weitere Commando, und schon entschlossener und angezogen von dem frohen, tollen Treiben beeilte der »Neue« seine Schritte und verschwand sofort in dem dichten Menschenknäuel. Da saßen sie Alle einig und vergnügt beisammen, die verschiedensten Elemente der Einheimischen und Fremden, die einen guten Tropfen und einen fidelen Jux über Alles liebten. Der biedere Schuhmachermeister aus der Provinz, der heute seine Bürde Leder eingekauft hatte, saß neben dem Großeinkäufer aus Griechenland in seiner Nationaltracht; der flotte Student neben dem Fabrikanten; der Berliner Grossist neben dem Commis seines erbittertsten Concurrenten, und über Allen schwebte der Geist des Weins und der harmlosen Fröhlichkeit.
»Gustchen! Göttlichste aller Harfenschlagenden Schönen!« ruft begeistert ein ältlicher Herr, dessen Glatze und goldne Brille, sowie das weiße Halstuch auf einen, kurze Zeit seiner heimathlichen Herde entronnenen Seelenhirten schließen läßt, der auf einige Tage zur Messe gekommen ist und, der schönen — ach längst entschwundenen Studienzeit gedenkend, aufthaut — »Dein Wohl — im Wein!«
Und das schöne erzgebirgische Kind wirft dem »alten Herrn« einen so süßen Blick als Dank zu, daß er sein Herz im innersten Busen erzittern fühlt und es ihm heiß bis zu der sonst in unschuldiger Weiße erglänzenden, jetzt aber sanft gerötheten »Platte« hinaufsteigt.
»Du — — —?« sagt sein Nachbar und Bruder, ein etwas verknöcherter Gymnasiallehrer, der hier mit ihm zu kurzem Wiedersehen zusammengetroffen ist und doch erst die eigentliche Veranlassung zu ihrem Besuche des Faustkellers gegeben hat, »wenn das Deine Frau wüßte!«
Erbleichend ob der schauderhaften, schrecklichen Möglichkeit sinkt dem entflammten Pastor die zum Einschänken erhobene Flasche herab und während er fast entnüchtert ein »Apage Satanas!« murmelt, ergießt sich der goldene, flüssige und süffige Strom auf den Schooß des Sonntagsstaates seines Nachbarn zur Linken, eines massiv groben Baiern, der sofort alle Schleußen seiner Beredsamkeit öffnet und dem armen Theologen eine Fluth von Grobheiten und Ehrentiteln an den Kopf wirft, in denen besonders das Thierreich eine hervorragende Rolle spielt.
»Sie — sein’s a Vie’ch!« schließt er seinen entrüsteten Sermon, um aber gleich darauf, als er das Entsetzen des geistlichen Herrn sieht und seine gestammelten Entschuldigungen hörte, von der Grobheit zum Jovialismus überzugehen, den Attentäter auf die Schulter zu klopfen und zu versichern »Na — ’s macht nix aus — Schad nur um den Wein!« — — und der einen Moment bedrohte Frieden ist wieder hergestellt. »Auf Ehre« flötet ein junger, stark nach Patschouli duftender Benjamin, der am Tage im Meßlokale seines Berliner Chefs in Fellen und Rauchwaren macht, indem er bemüht ist, das thalergroße Monokel, das consequent immer wieder auf die starkentwickelte Nase herabfällt, aufs Neue in’s Auge zu klemmen, »auf Ehre reizende Rosa, wie Se hab’n gesungen vorhin das Lied von der Schwalben wie se ziehn heimwärts, is mer geworden ganz warm ums Herz, un wenn mer a Herz hat als Cavalier« — jetzt saß glücklich das Monokel wieder oben, aber durch das Einklemmen desselben zogen sich die buschigen Augenbrauen des »Cavaliers« in so unnatürlicher Weise in die Höhe, daß sein Gesicht nicht gerade als ein besonders geistreiches gelten konnte, »so mechte mer wohl singen, wie der Herr von Fielitz im Berliner Opernhaus: Reich mir die Hand mein Leben, komm auf mein Schloß — — —.«
Bumms — fällt ihm das Monokel wieder auf das Riechorgan, was seinen halblauten pathetischen Gesang unterbricht.