»Nanu, Alter? — Nix Courage? — Fürchtet Euch wohl gar vor den lieben herzigen Dingern und ihren schelmischen Guckaugen — was?«
Das griff den Alten, der ohnehin keineswegs abgeneigt war, einmal wieder den Schwerenöther zu spielen, gewaltig an seine Mannesehre.
»I — nu — Nee!« sagte er, »vor was wär’n mer denn Soldat und acht Jahre Oberjäger beim 1. Bataillon gewesen, aber — — na — und’s braucht’s ja Niemand zu wissen, wo mir gewesen sind — wenn mer nur pinktlich wieder zu Hause komm’n!«
»Bravo«, rief der Verführer, »das war ein Mannswort! Auf zu Vater W…!« — — dort war es nun allerdings wunderhübsch! Auf ein verständnißvolles Augenzwinkern des Schauspielers, Wirth und Bedienung waren von X. schon brieflich instruirt worden, umgab bald ein ganzer Kranz »sittiger Mädchen« den alten, ehrlichen Amtsdiener, während sich X. in der Nebenstube ans Piano setzte und spielte und sang. — Herrgott von Mannheim! War das ein Leben. Eierpunsch und Rothwein, Rheinwein und Champagner und wer weiß was Alles credenzten die gar nicht sehr spröden Huldinnen dem alten Soldaten. Bald kam Olga, bald Irma, bald Flora und wie die prächtigen Mädels alle hießen, um mit ihm anzustoßen, und als dieselben unter den Klängen einer im Nebenzimmer gespielten Polka paarweise dahinflogen, da legte auch er kühn die Rechte um die Hüfte der üppigen Rosa und zeigte rechtsrum, linksrum und im zierlichen Schiebekästchen seine als ehemaliger flotter Jäger vielerprobten Kenntnisse in der edlen Tanzkunst.
Er blickte aber doch von Zeit zu Zeit vorsichtig ins Nebenzimmer. Na — da war aber nichts zu besorgen, X. hatte ja gar den Rock abgelegt und saß in Hemdsärmeln am Pianoforte — der lief nicht davon, so viel stand fest und in der Gewißheit, sich vielleicht niemals wieder in seinem Leben so amüsiren zu können und noch dazu ohne einen Pfennig dafür auszugeben zu brauchen, stürzte er sich auf’s Neue »rin ins Vergnügen« und genoß das ihm so freundlich Gebotene in vollen Zügen. — — —
»Hm« — was war denn das? — Er hatte wohl gar geschlafen? — Es war ihm noch ganz dumm vor’m Kopf. — Er blickte um sich. — Er saß in einem kleinen Cabinet auf einem Sofa, die Thür stand offen und von fern her tönten die Pianoklänge herüber zu ihm. — Himmel! — halb zwei Uhr Nachts! — Mit einem Satze war er in die Höhe. Heiliger Bimbam! Und um acht Uhr Abends sollte er spätestens mit seinem Schutzbefohlnen »zu Hause« sein. — — — Na das war eine schöne Bescheerung! Und da setzt sich der Unbesonnene und Verführer noch da vorne ans Pianoforte und ließ ihn hier schlafen, statt ihn rechtzeitig zu wecken. — — Donnerwetter — und sein Schädel — es war ihm, als ob ein Dutzend Teufel darin Steine mahlten. — So eine Unverschämtheit — na — dem X. wollte er aber schon seine Meinung sagen. — — Herr Je — da saß ja ein ganz andrer Herr am Pianoforte als X. und — die Mädels lachten alle, wie er jetzt in den »Salon« trat.«
»Na — hab’n Sie denn ausgeschlafen?« frug ihn Röschen schelmisch. »Ei — ei — wer wird so wenig vertragen können!«
»Wo ist denn Herr X.?«
»Der Herr, mit dem Sie kamen? — Ja — wir kennen ihn nicht — der ist aber schon kurz vor acht Uhr weggegangen, er sagte, wir sollten Sie nur ruhig schlafen lassen, in dem Zustande, wie Sie wären, könne er sie nicht mit heimnehmen — er ginge deshalb allein nach Hause. Sie würden schon Alles hier bezahlen!«
Wenn schon die ersten Beweise angethan waren, ihn vor Schrecken fast auf den Rücken zu werfen, so gab unserm guten »Wechseldiener« der Schluß völlig den Rest.