Die Tür öffnete sich und die breite, gedrungene Gestalt Steins erschien auf der Schwelle.

Mit einer kaum merkbaren Bewegung des Kopfes beantwortete der König den ehrerbietigen Gruß des Freiherrn. Eine kurze Handbewegung deutete auf das auf dem Schreibtisch liegende Dokument.

„Haben gelesen!“ sagte er mürrisch. „Er hat sich Freiheiten genommen. Er ist Unser Minister für Zoll-, Manufaktur- und Kommerzwesen, Unser Präzeptor aber nicht. Wer Uns zu dienen hat, entscheiden Wir. Unsere Brüder und Vettern haben da nicht mitzureden. Unsere Minister und [pg 112]Generäle noch weniger! Es sei denn, daß Wir sie um ihre Ansicht gebeten haben!“

„Majestät wollen gnädigst gestatten –“, fing der Freiherr an.

„Aufrührerische Gesinnung und meuterisches Gebaren dulden Wir nicht. Er ist an der ganzen Sache schuld. Er hat das geschrieben! – Er hat die Prinzen und Generäle veranlaßt, ihre Namen darunterzusetzen. Gestehe Er!“

„Das Memorandum habe ich nicht geschrieben. Ich komme aber für jedes Wort darin auf, als hätte ich es getan!“ sagte Stein bestimmt. „Es enthält nichts, was nicht durch vorherige Besprechung mit den Unterzeichnern vereinbart wurde. Die darin zum Ausdruck gelangten Ansichten geben nur die Befürchtungen wieder, die jeden vaterländisch gesinnten Mann heute bewegen: daß die Politik der Kabinettsräte und vor allem des Grafen Haugwitz uns an den Rand des Abgrunds bringt, wenn nicht schleunigst Abstand davon genommen wird.“

„Die Kabinettsräte führen nur Unseren Willen aus! Haugwitz hat große Verdienste um die Krone und hat überdies viele Geschicklichkeit bewiesen. Daß er Neider hat, wissen Wir. Es wird denen nicht gelingen, Unser Vertrauen zu ihm wankend zu machen. Was hat Er gegen den Grafen? Sage Er offen seine Meinung!“

„In der Tat“, sagte Stein und richtete sich auf, so weit es seine kurze Gestalt erlaubte. „Ich würde schlecht mein Amt als Berater der Krone versehen, wenn ich die Frage nicht offen beantwortete! Der Graf Haugwitz verdient in keinem Falle das große in ihn gesetzte allerhöchste Vertrauen. Er treibt hinter dem Rücken Eurer Majestät seine eigene Politik, für die die Krone nachher die Verantwortung tragen muß. Eurer Majestät bestimmten Befehl an ihn, sofort dem Kaiser der Franzosen Allerhöchstdero Kriegserklärung zu überbringen, führte er nicht aus, zögerte erst drei Wochen, ehe er ins französische Hauptquartier fuhr, und brachte uns dann statt des Krieges den Bündnisvertrag mit Napoleon zurück!“

„Zwischen seine Ausreise und seine Heimreise fiel die Niederlage unserer Verbündeten bei Austerlitz!“

„Österreich und Rußland hatten sich wohl eben nichts Ersprießliches vom Bündnis mit uns erwarten können. Sonst hätten sie lieber auf uns gewartet, als zu früh loszuschlagen und sich die Niederlage zu holen! Haugwitzens feige, unentschlossene Neutralitätspolitik hat die Krone Preußens so allmählich um alles Ansehen bei den anderen Mächten gebracht und hat das Land nach allen Seiten isoliert. Man traut uns nicht, weder Freund noch Feind. Und so müssen wir jetzt, wo wir um unserer Ehre willen das Schwert ziehen, allein und ohne Freunde und Bundesgenossen dastehen. Wir werden einer sicheren Niederlage entgegengehen, wenn nicht Eure Majestät schleunigst Leute wie Haugwitz, deren Saumseligkeit und Ungeschicklichkeit alles Unheil verschuldet hat, von der Leitung entfernen.“