„Meine Armee wird ihm die gebührende Antwort darauf geben!“

„Ich befürchte nein. Denn wie sind wir für den Kampf gerüstet? Ohne Geld, mit veralteten Gewehren und mit Waffenfabriken, die nicht den zehnten Teil vom Bedarf leisten. Wir haben es versäumt, uns beizeiten aus England und Österreich neue Gewehre zu kaufen. Unser Heer mit allen seinen Vorzügen besteht zum größten Teil aus Veteranen, die durch lange Beurlaubung dem Kriegsdienst entfremdet wurden. Es wird von Greisen geführt, die bei aller Rüstigkeit doch nicht über die Erfordernisse des Paradeplatzes hinaus etwas verstehen. Wie wir damit den kriegsgewohnten Truppen Frankreichs standhalten wollen, ist unerfindlich. Was geschehen muß, muß also schnell geschehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, Eure Majestät um eine Entscheidung zu bitten, die Allerhöchstdieselbe doch früher oder später treffen müssen. Wir bitten also um Entlassung des Grafen Haugwitz, wir verlangen die Entfernung der Kabinettsräte Lombard und Beyme, die sich zwischen die Krone und ihre Berater gedrängt haben und die nur verhin[pg 114]dern, daß Eure Majestät von der wahren Sachlage der Geschäfte gebührend unterrichtet werden!“

„Wenn Er, mein Herr Minister, die Unentbehrlichkeit der Kabinettsräte dartun wollte, Er hätte es nicht besser tun können als durch das, was Er soeben vorbrachte. Fürwahr, es wird Uns schwer, ein ruhiges Urteil zu gewinnen, wenn Uns in solch ungebührlicher Weise, wie jetzt von Ihm, Wünsche, Bitten und Vorschläge vorgebracht werden. Allein zu dem Zweck tut es not, treue Diener zu haben, die es verstehen, Uns in geziemender Weise zu nahen. So müssen Wir es ablehnen, Ihm irgendwie auf seine Vorstellungen etwas zu erwidern. Wir verweisen Ihn auf seinen Platz, Wir verbitten Uns jede unaufgeforderte Einmischung seinerseits in die Rechte der Krone, die Wir allein wahrzunehmen haben und auch wahrnehmen werden, ob es unseren Untertanen in den Kram paßt oder nicht. Er hat sich zu fügen und Uns zu vertrauen. Weder Unsere Minister noch Unsere Offiziere haben sich um Unsere Entschließungen zu kümmern. Und wagen sie’s, offen dagegen zu revoltieren und gar, wie es zu Unserer Betrübnis vorgekommen ist, auf offener Straße dagegen zu demonstrieren, so werden Wir es verstehen, Unsere Autorität zu wahren!“

„Wollen Eure Majestät in Gnaden verstatten? Das, was die jungen Offiziere sich erlaubt haben, das mag ungewöhnlich sein, eine Revolte ist es aber nie und nimmer gewesen, auch in keiner Weise ein Versuch, gegen des Königs Majestät irgendwie aufzubegehren. Dem Feind allein galt jene Kundgebung. Sie erfolgte spontan und aus dem unwiderstehlichen Bedürfnis, die Ehre des Landes zu wahren!“

„Die Ehre des Landes wahrt der König!“

„Der König und das Volk. So muß es sein. So wird es kommen. Und daß die Erkenntnis zuerst hier in Eurer Majestät Hauptstadt zum erhebenden Ausdruck kam, dazu ist Eure Majestät zu beglückwünschen. Ich flehe zum Himmel, daß sich dieses Erwachen des Volkes nicht nur auf Berlin beschränken möchte. An jene Kundgebung müssen Eure Majestät anknüpfen, von da aus alles umgestalten, [pg 115]dann sind wir unwiderstehlich, dann kann uns nichts mehr etwas anhaben. Wie war es aber bis jetzt. Ich habe mich geschämt, als die Franzosen Hannover überfielen und das hannoversche Volk den Aufruf zur Rettung des Vaterlandes sich um die Fahnen zu scharen damit beantwortete, daß es alle waffenfähige Jugend außer Landes schickte. Und überdies der eigenen Armee den Unterhalt verweigerte, wenn sie nicht schleunigst Kanonen und Ausrüstung dem Feind überlieferte, damit der Krieg nur aufhöre. Waren das Deutsche, die so handelten? Ich habe mir immer wieder die Frage vorgelegt – und immer wieder antworten müssen – ja, es waren Deutsche – aber deutsche Knechte, denen jedes Gefühl der Teilnahme für das Geschick des Vaterlandes abhanden gekommen ist, und die ihre Knechtschaft verdienen, wenn sie nicht lernen, sich selbst zu befreien! Deshalb habe ich gestern, im Theater, laut mitgejubelt und mitgesungen, als das große, heilige Gefühl, für die Ehre des Landes das Letzte herzugeben, so hell und klar aufloderte. Denn ich war dabei, und werde immer dabei sein, wo es gilt! Keinesfalls aber gebe ich mich dazu her, eine Politik der Knechtung des Volkes und der Kriecherei vor den Franzosen, wie sie Haugwitz und Lombard wollen, mitzumachen. Noch weniger lasse ich mir den Mund verbieten, wenn ich Mängel und Schäden im Staate sehe und die Pflicht und das Amt habe, nach bestem Gewissen zur Besserung beizutragen. Wird das ungnädig aufgenommen und gar als Ungebühr gerügt, so bleibt mir nichts, als entweder volles Vertrauen zu verlangen oder um meinen Abschied zu bitten!“

Der König hatte schweigend, ohne sich vom Kamin zu bewegen und ohne eine Miene zu verziehen, der Rede Steins zugehört. Er mochte nicht zeigen, wie sehr die eindringliche Art des Freiherrn auf ihn gewirkt hatte, mochte auch nicht das, was er als Ungebühr bezeichnen mußte, dadurch sanktionieren, daß er irgendwie auf dessen Ausführungen einging.

Er ging langsam und steif einmal durchs Zimmer, kehrte dann zum Kamin zurück und sagte, ohne Stein anzusehen [pg 116]und ohne die Stimme irgendwie zu erhöhen oder im geringsten von seiner gemessenen Art zu sprechen abzuweichen:

„Werden Ihm Unsere Entscheidung bezüglich seines Abschiedsgesuchs zukommen lassen!“

Eine kurze Handbewegung, und die Audienz war beendet.