Beyme hob das Dokument wieder zur Höhe seiner Augen und rollte es noch einmal rasch mit den Blicken ab.
„Wenn ich meine Ansicht alleruntertänigst vorbringen darf, so zeigt das Schriftstück allerdings den Minister von Stein als Urheber an. Ganz seine Art, gerade und ohne Umschweife auf die Sache loszusteuern, ganz seine Verachtung einer jeglichen höfischen Form! – Auch Seine Königliche Hoheit, der Prinz Louis Ferdinand, würde wohl nicht ermangeln, seine Geringschätzung für das Althergebrachte darzutun – jedoch mit mehr Eleganz und nicht ganz so unverhohlen und schroff.“
„Daß der Freiherr vom Stein das Schriftstück abgefaßt hat, daran zweifeln Wir nicht und halten es auch für sehr wahrscheinlich, daß er es geradezu veranlaßt hat“, sagte der [pg 111]König langsam. „Das ist aber nichts denn Meuterei!“ rief er dann plötzlich mit erhobener Stimme und schlug so heftig auf den Tisch, daß der kleine Kabinettsrat zitternd zurückwich.
In gemessener Ferne blieb er stehen und starrte erschreckt, aber mit unverhohlener Neugier, seinen Herrn und Gebieter an, der unbeweglich vor dem Schreibtisch stand und wieder trübe ins Leere blickte.
„Haben den Baron hierherbefohlen, um Uns Rede zu stehen!“ sagte der König schließlich und zeigte auf die Tür.
Der Kabinettsrat eilte zur Tür und winkte hinaus.
Ein Adjutant erschien und machte die Meldung. Seine Exzellenz, der Minister Freiherr vom Stein wäre zur befohlenen Audienz erschienen.
„Vorlassen!“ beschied ihn der König und wandte sich zum Kabinettsrat, der inzwischen das Dokument auf den Schreibtisch zurückgelegt hatte.
„In der Nähe bleiben!“ befahl er diesem kurz und reichte ihm einen Brief. „Brief des Generalleutnants von Blücher! Lesen! Antwort entwerfen!“
Beyme nahm den Brief, verbeugte sich ehrerbietigst und zog sich mit seinem Portefeuille in ein Nebenzimmer zurück. Der König ging langsam durchs Zimmer, stellte sich mit dem Rücken gegen den Kamin, blieb dort in soldatischer Haltung stehen, die Hände gerade an den Seiten hängend, den Blick auf die Tür des Audienzzimmers gerichtet.