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Der korsische wilde Jäger ließ seine Meute los. In der Urheimat der alten Germanen, im Thüringer Wald, fing die Hetze an. Anfangs lauerte die Meute weit auseinander zerstreut in Süddeutschland, von Passau und Memmingen, südlich der Donau, über Ansbach und Würzburg bis Frankfurt am Main. Dann nahmen sie die Fährte auf und stöberten vorwärts aus allen den verschiedenen Richtungen gegen den einen Punkt, wo Erzgebirge und Fichtelgebirge einerseits mit dem Thüringer Wald, andererseits in stumpfem Winkel zusammenstoßen, sich wie eine schützende Barriere vor Norddeutschland legen und nur durch einige Pässe im Quellengebiet der Saale bequemen Durchlaß gewähren.
Dort wollte der wilde Jäger seine Meute vorbrechen lassen, sie auf dem rechten Saaleufer vorwärts treiben und so die preußische Armee, die sich nördlich vom Thüringer [pg 120]Wald aufgestellt hatte, überflügeln und von ihren rückwärtigen Verbindungen abschneiden. – Inzwischen tastete die preußische Armee zaghaft bald rechts, bald links um den Thüringer Wald herum, unsicher, ob sie den Feind abschneiden, ihm frontal entgegentreten oder, in der Defensive verharrend, ihn mit verwandter Front, in der Flankenstellung hinter der schützenden Saale erwarten sollte.
Ihr Hauptquartier hatte sie in Erfurt.
Erfurt, bis vor zwei Jahren eine stille Stadt in den Landen des Kurfürsten von Mainz und Großkanzlers des jetzt zertrümmerten Heiligen Römisch-Deutschen Reiches, bekam somit nachdrücklich zu wissen, daß es zum Range einer Hauptfestung des großmächtigen Königreichs Preußen erhoben worden war.
Die Stadt schien in ein wahres Feldlager verwandelt zu sein.
Tag und Nacht herrschte in den Straßen ein reges Treiben. Kanonen, Munitionswagen und Fahrzeuge aller Art rollten dröhnend über das Pflaster, daß die Hauswände zitterten und die Scheiben klirrten. Taktfeste Tritte von marschierenden Truppen, Pferdegetrampel, Trompetengeschmetter, Trommelschlag, Pfeifenklang, Schreien, Lachen, Schelten, Kommandoworte, Geräusche aller Art schwirrten durch die Luft.
In den Straßen und auf den Plätzen drängten sich Neugierige jeden Standes und Alters, rannten sich die Rippen ein und zertraten sich fluchend die Hühneraugen. Stafetten und Kuriere aller Waffengattungen durcheilten mit Windesschnelle die Stadt in allen Richtungen. Uniformen der berühmtesten preußischen Regimenter zeigten sich überall, auf dem Anger, im Karthäusergarten und in den Läden auf der „Krämerbrücke“. Zopf und Schnauzbart dominierten und wurden allseitig angestaunt. In den engen Straßen der Altstadt war ein Gedränge und Getriebe wie seit Menschengedenken nicht. Und wackere Kriegerburschen pirschten die Gäßchen ums Augustinerkloster nach holder Weiblichkeit ab und blickten wohl auch nebenbei staunend zu den Kloster[pg 121]mauern hinauf, hinter denen vor dreihundert Jahren der hochgelahrte Herr Dr. Martinus Lutherus selbst das Keuschheitsgelübde abgelegt hatte, als er dorten als Mönch eintrat.
Sächsisch, Schlesisch, Rheinisch, Platt und unverfälschtes „Balinsch“ kämpften in babylonischer Verbiesterung um den Vorrang im Konzert. Bis endlich die Kanonen der Zitadelle Petersburg mit dem königlichen Salut einsetzten und die Glocken all der vielen Kirchen, vor allem die altberühmte „Maria gloriosa“ des Domes mit ehernen Stimmen die Majestät des Königs von Preußen begrüßten und so Preußen über alles zur Losung machten und als Sturmzentrum alles Geschehens proklamierten, von dem aus es deutsch nach allen deutschen Gauen, Widerhall heischend, schallen konnte.
Am fünften Oktober sollte beim König Kriegsrat abgehalten werden.