Kriegsrat, das heißt für gewöhnlich Bestätigung und Vermehrung der Ratlosigkeit bei der Führung. So war es auch hier in Erfurt. Da sollten ein Dutzend oder mehr Köpfe das Unmögliche vollbringen, sich um einen Entschluß zu einigen, den der Oberbefehlshaber trotz seiner Machtvollkommenheit nicht allein zu fassen wagte, sei’s aus Alters- oder Charakterschwäche, aus höfischen Rücksichten oder um sich einer ihm lästigen Verantwortlichkeit zu entziehen.
Tüchtigkeit und besondere Befähigung allein sind leider nicht immer bei Besetzung eines Amtes an dieser Stelle maßgebend. Es gibt höfische Rücksichten, die da mitreden, Rücksichten auf Familie, Verwandtschaft, Dienstalter, Rang und Namen, die oft den weniger Geeigneten, zum Schaden der Sache, an führende Stelle verhelfen und verhindern, daß die rechte Person auf den rechten Platz kommt.
So kam es, daß der Herzog von Braunschweig, als ältester Feldmarschall und berühmtester Heerführer Preußens, mit dem Oberbefehl betraut wurde. Seine siebzig Jahre waren kein Hindernis.
Aber – auch der General Fürst Hohenlohe-Ingelfingen hatte Ansprüche auf ein selbständiges Kommando, und man [pg 122]hatte geglaubt, ihm mindestens die Führung einer Armee geben zu müssen. Man schuf also, statt einer einheitlichen, zwei Hauptarmeen, nominell mit dem Herzog von Braunschweig als gemeinsamen Oberbefehlshaber, aber doch voneinander ziemlich unabhängig. Denn der Herzog, voll weltmännischer Courtoisie, nahm jede Rücksicht und ließ dem Fürsten Hohenlohe seinen Kopf für sich.
Dieser Kopf Hohenlohes hieß von Massenbach, Oberst und Generalquartiermeister-Leutnant bei seinem Armeekommando.
Der Fürst selbst war mehr zum Gehorchen als zum Befehlen veranlagt. Er gehorchte also dem, der ihm in geeignetster Weise befehlen konnte. Und da das nicht der Herzog war – gehorchte er also, wenn auch unbewußt, seinem Generalstabschef Massenbach.
Dieser war ein Genie. Aber eins von jener Sorte, die besser als alle anderen wissen wollen, wie man reiten soll, aber selbst nicht reiten können.
Er hatte Ideen – strahlende Ideen – tiefe Ideen – unfaßbar geniale Ideen, die alles bisher Dagewesene in Schatten stellten. Er war von seiner Vollkommenheit ebenso fest überzeugt, wie von der gänzlichen Bedeutungslosigkeit aller anderen Generalstäbler. Er war aus Schwaben, war apoplektisch, kahlköpfig, hatte rosige, blühende Wangen und redete wie ein Wasserfall.
Wenn er seine kleinen, runden, braunen Augen aufsperrte, sein Auditorium fest anblickte und dabei ein Brillantfeuerwerk von gut gespitzten Argumenten und Widerlegungen in endlosen Wortschlangen über die nimmermüden Lippen herausließ, dann betäubte er sein Auditorium – aber auch sich selbst, so daß er jeden auch noch so begründeten Einwand überhörte. Denn er überzeugte weder, noch ließ er sich überzeugen. Er konnte nur sich selbst reden hören und behielt, seiner Meinung nach, deshalb stets das letzte Wort. Er hatte also recht, war maßlos erstaunt und ungehalten, wenn man doch gegen seine Meinung zu handeln wagte, und tat alles, um es zu hintertreiben.
Also ein unbequemer Untergebener, der an keine Stelle hinpaßt wo es große Entschließungen zu fassen galt, dem aber trotzdem ein viel zu weitgehender Einfluß eingeräumt worden war. Beim Kriegsrat wurde das merkbar.