Man zankte sich dort um die verschiedenen Offensivpläne der verschiedenen Armeeleitungen – obwohl der Herzog von Braunschweig, als Oberbefehlshaber, aus eigener Machtvollkommenheit den Angriffsplan entwerfen und, ohne Befragung anderer, ins Werk setzen konnte und mußte.

Seine Idee war von Anfang an: sofort mit zehn Divisionen in sechs Kolonnen den Thüringer Wald zu überschreiten, sich bei Meiningen und Hildburghausen zu vereinigen und von dort aus anzugreifen, eine Division im Bayreuthischen zu postieren, um die Pässe zu besetzen und zu verteidigen, und drei Divisionen rechts vom Thüringer Wald auf der Straße nach Frankfurt vorgehen zu lassen, um dort das Korps Angereau festzuhalten.

Wäre dieser Plan sofort ohne Zaghaftigkeit als Überfall ausgeführt worden, dann hätte man auch sicherlich mit ihm Erfolg gehabt.

Auch wenn die Überrumpelung nicht gelang – wenn der Feind schneller sein würde und der Bewegung der preußischen Armee zuvorkäme, dann vereinfachte dieser Plan doch die Verteidigung. Denn durch die konzentrierte Aufstellung bei Erfurt und Weimar war man imstande, dem Feind frontal entgegenzutreten, wenn er über den Thüringer Wald oder von der Frankfurter Straße käme, und wäre durch die Saale geschützt, wenn er durchs Bayreuthische gegen die deutsche linke Flanke vorginge. So hätte man die Rückzugslinie auf Magdeburg und Wittenberg gewahrt und unter allen Umständen die Elblinie und Berlin gedeckt.

Der Befehlshaber der zweiten Hauptarmee, Fürst Hohenlohe, hatte sich aber von seinem übergenialen Generalstabschef Massenbach einen ganz anderen Plan ausklügeln lassen, überwältigend, versteht sich, aber verwirklicht, unklar und unpraktisch.

In der Hauptsache ging der Plan darauf aus, eine Offensive auf dem rechten Saaleufer vorzunehmen unter gleichzeitiger Entsendung kleiner Detachements auf der Eisenacher Straße und Patrouillen durch den Thüringer Wald. Unter gänzlicher Umgehung des Oberbefehlshabers und hinter dessen Rücken unterbreiteten Hohenlohe und Massenbach dem König diesen Plan.

Es gelang ihnen wohl nicht, dessen förmliche Annahme durchzusetzen. Aber sie stifteten durch ihre Vorstellungen und Mahnungen immerhin allerhand Verwirrung an, verursachten Zeitverlust, machten den ohnehin durch Alter geschwächten Oberbefehlshaber unsicher – und verschafften so dem Gegner noch mehr Zeit, die er gut zu benutzen verstand.

Als der König dann bei der Armee ankam, griff der Herzog begierig die Gelegenheit auf, ihm die Verantwortung aufzubürden, zog sich selbst auf die zweite Stelle zurück und veranlaßte Zusammenberufung eines Kriegsrates, der also den endgültigen Entschluß fassen sollte, zu dem er allein nicht mehr die nötige Entschlossenheit hatte.

Zum Kriegsrat waren erschienen, außer dem alten, immer noch weltmännisch eleganten Herzog von Braunschweig und dem Fürsten Hohenlohe, der achtzigjährige, stattliche und ungemein berühmte Feldmarschall von Möllendorf, in jeder Beziehung dekorativ und eine Zierde jeder Versammlung, und der Kommandierende der dritten Armeegruppe, der kleine feurige Draufgänger General von Rüchel, mit blitzenden Augen unter krausem weißen Haar, entschieden, polternd, herrisch und ein wenig martialisch sich brüstend. In seinen eigenen und anderer Augen war er der gegebene Oberbefehlshaber, wenn nicht höfische und andere Rücksichten die Prinzen ihm vorgezogen hätten. Jedenfalls sah er in sich den berufenen Hüter der friderizianischen taktischen Tradition, wie sie noch auf den Paradeplätzen mit Eifer und Gewissenhaftigkeit geübt wurde.

Ferner waren anwesend die drei Generalquartiermeister-Leutnants Phull, Massenbach und Scharnhorst, die berufen waren, unter Führung des Generalquartiermeisters und [pg 125]Kriegsministers Gensau, gemeinsam den Generalstab zu leiten. Verschiedenartigere Leute als diese drei zogen noch nie an einem Strang. Phull war unberechenbar, eigenwillig, schrullenhaft, Scharnhorst ruhig, sicher und methodisch und Massenbach übersprudelnd von gelehrten Schlagwörtern und von Gründen, gegen die nicht aufzukommen war.