Das große Wort bei der Beratung führte natürlich Oberst von Massenbach, der in langen und wortreichen Ausführungen zu beweisen versuchte, daß alles Heil nur darin zu suchen wäre, mit beiden Hauptarmeen links über die Saale abzumarschieren, die feindliche Armee auf dem Marsche anzugreifen, die Rückzugslinie auf Dresden zu nehmen und so auch Schlesien, das ohnehin durch Böhmen gedeckt war, noch mehr zu schützen.
Rüchel würde inzwischen mit seiner Armee irgendwo auf der rechten Flanke rekognoszieren.
Oberst von Scharnhorst dagegen, ruhig klar und überlegt wie immer, bestand auf dem hauptsächlich von ihm ent[pg 127]worfenen Offensiv- und Defensivplan des Herzogs von Braunschweig, freilich ohne den wortreichen Massenbach dadurch niederkämpfen zu können, und im Bewußtsein, daß man durch das Zögern wohl schon den rechten Zeitpunkt verpaßt hatte.
Man entschied sich endlich weder für das eine noch für das andere, beließ die Hauptarmee als Zentrum bei Erfurt, stellte die Armee Hohenlohe, unter gleichzeitiger Besetzung der Saalepässe, als linken Flügel bei Blankenhain auf und den rechten Flügel unter Rüchel bei Craula. Nebenbei sollte rekognosziert werden.
Der wankelmütige Oberbefehlshaber hoffte noch im geheimen auf Napoleon. Wenn nur nicht zur Offensive geschritten wurde, würde dieser wohl auch vermeiden wollen, als Angreifer zu scheinen, wodurch womöglich noch in letzter Stunde der ganze Krieg vermieden werden könnte.
In dieser Utopie wurde er allerdings bestärkt durch einen soeben beim König eingegangenen versöhnlich gehaltenen Brief Napoleons!
Prinz Louis Ferdinand lachte laut auf, als ihm General Rüchel nachher den Verlauf der Konferenz schilderte.
„Unser Oberbefehl erinnert mich täuschend an ein russisches Dreigespann, eine richtige Troika“, sagte er. „Das mittlere Pferd läuft da, wie Sie wissen, in stetem, ruhigem Trab – die beiden Seitenpferde in Galopp! Alle ziehen aber in einer Richtung vorwärts. Wogegen beim Oberkommando die drei Pferde – unsere drei Generalquartiermeister-Leutnants – alle woanders hin wollen! Scharnhorst in der Mitte hält den beiden andern, Phull und Massenbach, die Stange, so gut er kann! Aber der Fahrer auf dem Bock, der Herzog, gibt ihm nicht den nötigen Rückhalt! Er fährt unsicher, ist zu liebenswürdig und zuvorkommend, läßt jeden, der behauptet, ein Anrecht darauf zu haben, zu sich auf den Bock, duldet, daß diese unerbetenen Mitfahrer ihm noch in die Zügel fallen und läßt das Fahrzeug bald nach links, bald nach rechts schwenken, je nachdem sie ihm zurufen: ‚Achtung Stein! Aufgepaßt eine Grube!‘
Im Wagen aber, unter der Krone, sitzt mein Vetter, der König, behauptet die Würde und läßt sich von den auf dem Steg mitschaukelnden beamteten Ohrenbläsern Lombard und Haugwitz schöne Vorträge halten über die herrliche Aussicht, die man haben könnte, wenn’s nicht so neblig wäre, und übersieht darüber das schlechte Fahren des Kutschers!
Hinten aber, auf dem aufgestapelten Gepäck, sitzt der Kriegsminister Gensau, klein, dick und dumm, hält seine Akten zusammen und schreibt und rechnet und rechnet und schreibt und ordnet immer wieder die Gepäckstücke, deren überflüssigstes er selbst ist, je nachdem wie sie, bei der Fahrt auf dem holprigen Weg, durcheinandergeworfen werden.“