Der Kerl rührt sich aber nicht vom Flecke! Er geht nicht! Er steht nur da und hört in aller Ruhe zu, wie ich ihm mit Schweinerei und saumäßigem Dienst und dergleichen um die Ohren werfe, und feixt auch noch und sagt dann endlich: ‚Wenn das Dorf zu finden wäre – ich hätte es schon gefunden! Wir haben die ganze Gegend abgesucht! Aber nichts zu sehen! Die Nachbardörfer, ja, die waren da, aber unser Dorf nicht! Kein Mensch wußte etwas vom ganzen Dorf! Endlich haben wir einen uralten Küster vor der Tür seines Hauses gefunden – der sagte uns Bescheid. ‚Das Dorf,‘ sagte er, ‚war einst das größte und reichste hier in der Gegend – bis der Dreißigjährige Krieg kam! Der ließ aber keinen Stein auf dem anderen, der vertilgte das Dorf mitsamt den Bewohnern spurlos vom Erdboden!‘ – So sagte der Küster. Aber auf der Karte des Generalstabes steht das Dorf immer noch verzeichnet – in den Quartierlisten der Armee auch! Und da drinnen, in dem Dorfe sollen wir nun wohnen!‘

So eine Sauwirtschaft ist nur unter dem alten Gensau möglich‘, sagte Yorck und fluchte und trug mir in drei Teufels Namen auf, die Sache gelegentlich des Kriegsrats vorzubringen, was ich auch mit Wonne besorgt habe! Das war meine Zutat zur heutigen Beratung! Mehr praktische Arbeit wurde von mir weder geleistet noch verlangt, und von den meisten anderen ‚Beratern‘ auch nicht!“

Der Prinz lachte noch toller. Blücher aber, ärgerlich über die lange Dauer der Beratung, schimpfte gleich los.

Rüchel hätte von Rechts wegen das Oberkommando haben müssen – der Prinz hier mindestens ein Armeekorps statt einer Division, und er, Blücher selbst, müßte die ganze Kavallerie unter sich haben, dann stünde man jetzt nicht noch hier! Dann hätte man längst die Franzosen auseinandergejagt, den Rheinbund gesprengt und den sauberen Königen von Napoleons Gnaden, den von Bayern und den von Württemberg mitsamt ihrem badischen Bundesbruder gezeigt, wo man im deutschen Vaterlande von Gottes Gnaden zu Fürsten ausersehen wäre! Eine Schmach war’s, daß sie, obwohl Deutsche, gegen Deutsche kämpfen wollten! Ein Blödsinn aber von der preußischen Regierung, zu glauben, diese Abtrünnigen nur dadurch vom Kampf abhalten zu können, daß Napoleon sie nicht angriffe! Denn, ob er als Angreifer oder Angegriffener dastünde, gleichviel! Die dreiundsechzigtausend Mann Bayerns, Schwabens und Hessen-Darmstadts würden doch gegen Preußen marschieren und helfen es einzuengen! Dagegen wäre nur eins am Platze gewesen: schnell wie der Wind dazwischenfahren! Und wenn ein paar von den Zaunkönigen Napoleons dabei vom Ast gefallen wären – schaden täte das der deutschen Sache nicht! Solche Fürsten könnte man entbehren!

Die Armeeleitung wußte aber nicht mehr, was sie wollte. Sie ließ jede gute Gelegenheit, dem Feind einen Streich zu spielen, vorübergehen und schien nur zu dem einen entschlossen zu sein: stets zu spät zu kommen.

So hatte man erst jetzt, wo man sicher sein konnte, daß die französischen Korps ihren Standort längst verlassen [pg 131]hatten, den großen Entschluß gefaßt, ihnen mit einem kühnen Husarenstreich in die Quartiere, wo sie nicht mehr lagen, zu fallen, um ihren natürlich längst stattgefundenen Aufmarsch zu stören! Und statt sich damit zu begnügen, sich mit ein paar Schwadronen bei diesem nachträglich mutigen Unternehmen zu blamieren, wollte man die ganze Vorhut unter dem Herzog von Weimar quer durch den Thüringer Wald, zu ebendiesem Zweck schicken! – Ganze zwölftausend Mann, die bei der Hauptarmee viel nötiger waren, aber jetzt todsicher dort fehlen würden, wenn’s zur Entscheidung käme! Und das waren von den besten Truppen Preußens!

Da waren darunter das berühmte Regiment Kuhnheim, das älteste der Armee – das Regiment Braunschweig-Oels, das seinerzeit den Sieg bei Turin entschied – das Regiment von Borck, das unter Blüchers eigenen Augen bei Kaiserslautern in Schritt und Richtung wie auf dem Paradeplatz marschierend die französischen Linien durchbrach – da waren das seit Zorndorf, Kollin und Prag berühmte Pommernregiment Owstien, das Grenadierbataillon Graf Wedel, die Yorckschen Jäger, die Husarenregimenter von Pletz und von Zieten – nächst seinen eigenen „Roten“, auf die er nichts kommen ließe, die besten der Armee! – Lauter Kerntruppen, auf die ein Verlaß sei! Und die ließ man ziehen! Man war doch ohnehin viel zu schwach! Durch Stockung der Anwerbung, durch Desertionen und durch die vielen Invaliden, die beim Ausmarsch zurückbleiben mußten, waren die Truppenteile sowieso weit unter den Bestand gesunken, den sie haben sollten! Viele Tausende waren so verlorengegangen! Und die ostpreußischen Truppen waren überhaupt nicht ausgerückt! – Das waren über zwanzigtausend Mann. Fast fünfzehntausend hatte man aus Angst vor den lieben Polen im Herzogtum Warschau und zur Verstärkung der Garnisonen in den nicht bedrohten schlesischen Festungen gelassen! In Westfalen fühlte man sich auch der Bevölkerung nicht sicher und ließ dort fast ebensoviel stehen! – Von den westpreußischen Truppen hatte man, dämlicherweise, eine „strategische Reserve“ gebildet, die irgendwo in der [pg 132]Luft hing und sicherlich erst zum Vorschein kommen würde, wenn’s zu spät wäre und die anderen Truppen abgekämpft waren – sicherlich aber nicht, wenn sie benötigt würde! Von der ganzen berühmten preußischen Armee, von zweihundertundzwanzigtausend Mann, war nur die Hälfte zur Stelle, außer den achtzehntausend Sachsen, die nicht zählten! Überhaupt die Bundesgenossen! Die hätten ganz anders angepackt werden müssen! Kurz und gut erklären: Entweder du marschierst mit und schlägst dich, wo es eine deutsche Sache gilt, oder ich verschlucke dich! Sonderinteressen gibt’s nicht! Was war das nun wieder für eine Schlappschwänzigkeit der preußischen Diplomatiker gewesen, all den kleinen Fürsten Neutralität zuzugestehen?! Mecklenburg, Anhalt, die Schwarzburg, die Lippe, die sächsischen Herzöge, den Herzog von Braunschweig, alle ließ man neutral bleiben – und Kurhessen durfte gar abwarten, bis es sähe, auf welcher Seite es zum Sieg käme, ehe es sich entschlösse einzugreifen! Kursachsen schickte bloß seine halbe Armee, Weimar ein – sage und schreibe – ein Bataillon Jäger!

„Das sind alles in allem fünfzigtausend Mann, die wir hätten mehr haben können, wenn wir nur den Mut gehabt hätten, einmal gegen diese Herrschaften bestimmt aufzutreten! Aber das wagten wir nimmermehr! Was heißt das, von Kurhessen eine derartige Niedertracht zu dulden! Das liebäugelt mit dem Korsen und will sich seinem Rheinbund anschließen und ihm die Stiefelsohlen lecken, wenn er ihm bloß gestattet, Darmhessen zu schlucken! Und rutscht auf dem Bauch vor Preußen und macht auch den Norddeutschen Bund mit, wenn wir ihm zugestehen, die angrenzenden kleinen Standesherrschaften zu annektieren! Und schmeißt uns den ganzen Bund um, weil wir dazu nur ‚nein‘ sagten statt den Kurfürsten fest am Genick zu packen und ihn auf die Knie zu zwingen! Himmeldonnerwetter, hätte man mir nur freie Hand gelassen, als ich auf dem Weg hierher durch Kassel kam. Ich hätte den guten Kurfürsten schon beim Schlafittchen genommen! Ich hätte uns die hessische Armee, mir nichts dir nichts, angegliedert! Und mitgegangen wäre [pg 133]sie! Aber da kamen wieder die berühmten Kontraorders vom Kabinett, und nun können wir sehen, wie wir’s machen! Ich würde kein Wort darüber verlieren, wenn es nur sonst ein Ende nähme mit dieser bodenlosen Unentschlossenheit und diesem Hin und Her ohne Reim und Räson! So geht’s ja nie und nimmer mit zwei kommandierenden Generalen und drei Quatiermeistern, die alle woanders stehen und alle was anderes wollen, und kreuz und quer kommandieren und nachher, jeder für sich, die Entscheidung vom König holen, der selbst nicht weiß, ob er alles oder gar nichts will!

Dabei ist die Armee noch in der Umbildung, hat die Einteilung in Divisionen kaum durchgeführt, geschweige denn jemals im Ernstfall ausprobiert! Wenn die Leute, die uns heute kommandieren, uns da nicht eine große Schweinerei bescheren, will ich gehängt sein! Ich bin gespannt, was schließlich bei dem Kriegsrat herauskommt!“

„Ich nicht!“ sagte der Prinz, dem das Schimpfen des alten Haudegen sichtbar großes Vergnügen bereitete. „Wenn mein Vetter gescheit wäre, würde er tun wie unser gemeinsamer Ahnherr, der große Friedrich, und rundweg jeden Kriegsrat verbieten. Er würde die ratlosen Herrschaften nach Hause schicken und Rüchel und Sie, Blücher, und mich zu sich rufen und sagen: ‚Jetzt macht die Sache, ihr drei! Macht sie schnell, macht sie gut, sucht den Feind auf und schlagt ihn!‘ Das tut er aber nicht, er ruft Herrn Beyme, er ruft Herrn Lombard! Und Lombard, der ergraute, parfümierte Friseurjüngling – der Allerweltscharmeur, der blasierte, lebensmüde Genußmensch – Lombard kommt tänzelnd herbei und lispelt deliziös: ‚Sire, vous voulez la guerre? Quelle horreur! Woßu la guerre? Man verständigt sich – schließt einen Kompromiß – beseitigt die Differenzen – reicht sich die Hände! Unter Leuten von Welt das Leichteste, das Einfachste was sich denken läßt! Jener Parvenu – jener Kaiser von Pöbels Gnaden – er ist noch zu neu in seiner Würde, er hat noch keine Manieren! Gehen wir ihm mit gutem Beispiel voran!‘