Und dann setzt sich der Herr Lombard an den Schreibtisch, [pg 134]streift die Spitzenmanschette zurück, taucht mit Grazie seinen Federkiel in französisch parfümierte Tinte und schreibt soigniert, formvollendet, ohne den geringsten Verstoß gegen die längst abgestorbene Etikette, in tadellosem Französisch, aber im Namen des Königs von Preußen – ein Manifest, als einzige Antwort auf die Unverschämtheit Napoleons, unser Ansbach zu besetzen! Und der König läßt gehorsamst das Elaborat seinen Weg in den Papierkorb des Korsen, statt in den seinigen nehmen! Er befiehlt uns nicht, sofort wie der Blitz dreinzusausen und mit blanken Hieben im eigenem Blute des Unverschämten die einzige ihm gebührende Antwort zu schreiben! Das hätte unverzüglich und unverzagt schon vor Wochen getan werden müssen! Da hätten wir die Franzosen zum Teufel gejagt! Aber jetzt – –“

„Eine Schmach ist es!“ rief Blücher, „eine Schmach und Schande, wenn man bedenkt, welcher Sprache sich jener kleine Kerl unseren Fürsten gegenüber erfrecht! Schockschwerenot! Setzt der uns unten am Rhein seinen Schwager auf die Nase, jenen Bäckerjungen aus Cahors, den Seiltänzer Murat! Den macht er zum Herzog von Berg, läßt ihn unsere Abteien Essen, Eltern und Werden nehmen und dehnt so seinen Rheinbund immer weiter nordwärts aus, engt uns immer dichter ein – sucht Sachsen und Hessen auch heranzulocken und läßt uns dann gnädigst wissen, wenn wir uns darüber beschweren, daß er so den Norddeutschen Bund hintertreibt: Er, Napoleon, hätte die Unabhängigkeit aller deutschen Fürsten garantiert, er werde keinen Oberherrn unter ihnen dulden!

Das muß sich ein König von Preußen ins Gesicht sagen lassen! Und zieht nicht gleich vom Leder, ruft nicht alles, was deutsch spricht, unter die Fahnen zum Kampf gegen den Frechling, sondern überlegt’s noch, macht einen Schritt vorwärts, zwei Schritte rückwärts und bloß halb mobil, zaudert und überlegt und fragt: ‚Soll ich, soll ich nicht? – Liebt er mich? Liebt er mich nicht?‘ Wo es doch sonnenklar ist, daß er uns absichtlich auf die Hühneraugen treten wollte!“

„Der König hofft noch den Frieden zu bewahren – er [pg 135]hofft im letzten Augenblick den Krieg abzuwenden“, sagte der Prinz. „Und leider ist das ganze Oberkommando ebenso vertrauensselig und tut nichts, um seine Zweifel zu entkräftigen! Ein Glück ist es, daß ich die Vorhut der zweiten Armee habe, und daß Sie, Blücher, die von der Hauptarmee jetzt übernehmen! Wir werden uns da nichts entgehen lassen, nicht wahr?“

„Nein, hol’ mich der Teufel, da soll mich nichts zurückhalten!“

„Die erste Gelegenheit, mit den Franzosen handgemein zu werden, nutze ich aus! – Sie sollen’s sehen, ich mach’s, und das wird eine Sache, von der man reden wird! Und dann gibt’s kein Zurück! Für die Ehre Preußens, Blücher, für den Ruhm der preußischen Armee, dafür setze ich mein Leben ein! Das schwöre ich!“

„Ich auch, bis zum letzten Blutstropfen!“

Sie gaben sich die Hände, und Rüchel, als Dritter im Bunde, legte auch den feierlichen Schwur ab, gab dann Blücher die Befehle, auf die er wartete, und hieß ihn sich auf seinen Posten begeben. Prinz Louis Ferdinand holte sich noch vom Prinzen Hohenlohe Instruktionen und saß kurz darauf im Sattel, um seine Division in Rudolstadt aufzusuchen.

*

Im Schlosse zu Jena dampften die Schüsseln auf der Tafel des kommandierenden Generals. Man hatte im Oberkommando der Hohenloheschen Armee einen Mordshunger. Seit drei Tagen war man zu keinem rechten Mittagsmahl gekommen, immer trafen gerade zur Tischzeit Hiobsposten ein, die getroffene Dispositionen über den Haufen warfen und ohne Verzug neue verlangten.