Im Salon warteten die Mittagsgäste des Fürsten, der General Sanitz, der für den erkrankten General von Prittwitz die in Jena stehenden Reserven kommandierte, die beiden Adjutanten, Major von der Marwitz und Major Loucey, und einige Stabsoffiziere.

Die Stimmung war gedrückt. Ein Teil der Avantgarde unter Tauentzien war von Bernadotte besiegt – der Rest unter Louis Ferdinand bei Saalfeld geschlagen, der Prinz selbst gefallen! Man war zur Unterhaltung wenig geneigt. Jeder der Anwesenden hatte seinen guten Teil Zweifel und Ungewißheit zu tragen und zögerte, ihm Worte zu verleihen. Und schließlich war man, wie gesagt, hungrig und entschlossen, sich wenigstens heute nicht stören zu lassen, sondern erst auf die Schüsseln einzuhauen und dann auf den Feind.

Der Fürst ließ auf sich warten.

Er beriet noch im Arbeitszimmer mit seinem getreuen Massenbach und diktierte verschiedene sofort zu erledigende Dispositionen. Der Hunger setzte ihm wohl ebensosehr zu wie seinen Gästen, die draußen warteten. Aber erst kommt der Dienst, und der verlangte heute schnellen Entschluß! Dann würde die Suppe um so besser munden, und man hätte, nach dem Essen, auch ein Viertelstündchen Zeit zum Ausruhen – was bei einem Sechziger, dem die Strapazen des Hoflebens geläufiger waren als die im Lager, nicht ganz ohne Bedeutung zu sein pflegt.

Die ersten Donnerschläge des Korsen waren gefallen, der Nebel, der seine Absichten bis jetzt verhüllte, hatte sich für einen Augenblick verzogen; man erkannte, aus welcher Richtung das Gewitter nahte, sah, was man versäumt oder falsch gemacht hatte, und traf Maßnahmen, der ersten Verwirrung zu begegnen und die Dinge der neuen Sachlage gemäß zu ordnen.

Massenbach, sonst nicht gewohnt bei seinem für gewöhnlich gutmütigen und gefügigen Herrn Widerspruch zu finden, hatte heute einen schweren Stand.

Der Fürst hatte schließlich auch seine eigene Haut zu Markte zu tragen. Er war nervös und ungehalten, die Verantwortung für Fehlschläge auf sich nehmen zu müssen, die der übereifrige Eigensinn seines Generalquartiermeisters verschuldet hatte. Er warf ihm vor, absichtlich unklare und zweideutige Instruktionen an die Unterbefehlshaber gegeben zu haben, wodurch jeder von ihnen sozusagen einen Freibrief [pg 137]auf eigenmächtiges Vorgehen erhalten und auch, zum Schaden des Ganzen, davon Gebrauch gemacht hatte.

„Es geht nicht,“ sagte der Fürst, „wenn man einen Befehl erteilt, gleichzeitig anzudeuten, daß man die Sache vielleicht doch lieber anders gemacht haben möchte! Ich habe mir unsere an den Prinzen Louis Ferdinand ergangenen Befehle vorlegen lassen. Der Prinz mußte nach ihnen glauben, das Wohl der ganzen Armee hinge davon ab, uns den Flußübergang bei Saalfeld zu sichern. Deshalb warf er sich mit seiner einen Division dem ganzen Korps Lannes entgegen und nahm einen aussichtslosen Kampf mit dem Feind auf, statt sich, wie befohlen, in Ordnung zurückzuziehen und nur in Fühlung mit ihm zu bleiben! Und da haben wir die Niederlage! Seine Division in alle Winde zersprengt, die Stimmung bei der übrigen Armee verdorben und die Siegeszuversicht der Soldaten aufs schwerste erschüttert!“

Das wäre keineswegs der Fall, meinte Massenbach, zog schleunigst alle Schleusen seiner Beredsamkeit auf und überschwemmte den Fürsten mit einer Schwallwoge von guten Gründen.

– Kleine Fehlschläge – und nur um einen solchen handelte es sich in diesem Fall –, kleine Fehlschläge kämen stets im Kriege vor; damit müsse man rechnen, wie schmerzlich sie auch seien! – Die Schlappe bei Saalfeld würde keinesfalls die Stimmung bei den Truppen verderben! Was Prinz Louis Ferdinand in der Beziehung gefährdet hätte, hatte er durch seinen Heldentod wieder gutgemacht!